In seiner eigenwilligen Art soll Miles Davis einmal über eine Aufnahme geurteilt haben, sie klinge für ihn "wie Musik". Das war nicht etwa diplomatisch gemeint. Der Jazz-Trompeter brachte damit zum Ausdruck, dass er hier Töne ohne Bedeutung vernahm. Klang ohne jedwede Aussage.

Die Dirigentenlegende Nikolaus Harnoncourt, 1929-2016, wäre vor einem solchen Verdikt gefeit gewesen. Was auch immer der Charakterkopf des Originalklangs erarbeitete, er entschlackte es von romantischem Klangspeck und lud es mit Hochspannung auf. Das galt auch für die Symphonien von Franz Schubert: Zwei Gesamteinspielungen aus Harnoncourts Hand (mit dem Concertgebouworchester beziehungsweise den Berliner Philharmonikern) waren bisher im Handel erhältlich; jetzt gesellt sich ein unverhoffter Nachzügler dazu. Harnoncourt hat den Zyklus bereits 1988 mit dem Chamber Orchestra of Europe für eine Konzertserie der Styriarte einstudiert. 32 Jahren später erscheint nun ein Mitschnitt davon - und er klingt nicht nach einem alten Hut, sondern nach starkem Tobak.

Franz Schubert Symphonien Nr. 1-9 4 CDs (ica Classics)
Franz Schubert Symphonien Nr. 1-9 4 CDs (ica Classics)

Aus heutiger Sicht überraschend: Der Dirigent verzichtete damals auf eins seiner späteren Markenzeichen, den radikalen Tempowechsel.

Beispiel: der Kopfsatz der "Vierten". Die gemächliche Einleitung wirkt wie ein Vorhang, der sich allmählich hebt und die Bühne für ein quirliges Treiben freigibt. Harnoncourt dreht an dieser Stelle nicht mehr an der Temposchraube als etliche Kollegen.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Was bei ihm folgt, wirkt dennoch wie mit brennendem Hut musiziert. Der Grund dafür ist, dass die Aufnahme andere Kontraste umso mehr schärft und das Orchester auf eine trockene Transparenz eingeschworen ist. Der grobkörnige (aber solide) Klang der CDs tut sein Übriges: Die Streicher "singen" nicht, sondern traktieren ihre Saiten eher schroff; die Holzbläser scheinen ihre Melodiebögen mit klingendem Magma zu füllen. Und das Blech, das so oft in den Mittelpunkt rückt: Es arbeitet mit der Präzision eines Leichtgewichtboxers, der seinen Gegner immer wieder aus dem Nichts heraus mit harten Schlägen attackiert. In Summe ein aggressiver, ja fast schon mundschutzpflichtiger Schubert-Sound. Statt die Stimmungsumschwünge dieser Symphonien unter einen dicken romantischen Teppich zu kehren, spitzt sie Harnoncourt lustvoll zu.

Stimmt zwar: Mitunter fordert es seinen Tribut, dass der Charismatiker seine Musiker zu höchster Risikolust anstachelt. Dennoch gelingt dieser späten Neuerscheinung Grandioses: Wenn sich der Stirnsatz der "Großen" C-Dur-Symphonie etwa in einen Dialog zwischen Trauer und rabiater Verzweiflung verwandelt. Oder wenn die "Unvollendete" anhebt: Wie düster und lauernd die Streicher das Kopfthema begleiten, lässt das Unheil schon ahnen, das sich dann in massiven Bläserattacken Bahn bricht. Frei nach dem Bonmot zu einer gewissen Beethoven-Symphonie: So klopft das Grauen an die Tür.