Der deutsche Chorleiter Gotthilf Fischer ist tot. Er starb bereits am Freitag im Alter von 92 Jahren, wie seine Managerin Esther Müller der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart am Mittwoch bestätigte. Er stand an der Spitze einer einzigartigen Volkschorbewegung und wurde als der "König der Chöre" bezeichnet. Niemand brachte solche Massen zum Singen wie er.

Die Biografie Fischers ist schnell erzählt: Geboren am 11. Februar 1928 in Plochingen als Sohn eines musikbegeisterten Zimmerermeisters; von 1942 bis 1945 Lehrerbildungsanstalt in Esslingen. 1949 heiratete Fischer seine Frau Hildegard, die Ehe hielt bis zu ihrem Tod im Jahr 2008. Fischer lebte in Weinstadt in der Nähe Stuttgarts.

Nahezu der komplette Rest des Lebens drückt sich in seiner Arbeit mit Chören aus: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Fischer, der nie eine professionelle musikalische Ausbildung genossen hat, Leiter des Concordia Gesangsvereins in Deizisau. Im Jahre 1949 gewann sein Chor unter seiner Leitung beim großen Schwäbischen Sängerfest in Göppingen die beiden Wettbewerbe in Volks- und Kunstgesang. Dieser Erfolg machte Fischer lokal bekannt. In der Folge sammelten sich kleinere Gesangsvereine unter seiner Leitung. Diese Teilchöre bilden die sogenannten Fischer-Chöre.

Gemeinsam singen

Mit seinem Charisma schaffte es Fischer, immer mehr Menschen in den Bann seiner Chorbewegung zu ziehen. In seinen Chören versammelten sich alle gesellschaftlichen Schichten zur Gemeinsamkeit im Zeichen der Musik.
Ein Höhepunkt von Fischers Laufbahn war der Auftritt seiner Chöre mit weit über 1000 Mitwirkenden beim Abschluss der Fußball-Weltmeisterschaft 1974. Tourneen führten um die ganze Welt, auch nach Rom. In den USA sangen die Fischer-Chöre für Präsident Jimmy Carter. Fischer war auch Initiator und Moderator der ARD-Reihe "Straße der Lieder", die im Februar 2008 nach 12-jähriger Laufzeit eingestellt wurde. Und sowieso war Fischer mit kleineren Choraufgeboten ein gerne und oft gesehener Gast in den Samstagabend-Shows des deutschen Fernsehens. Und wenn er einmal allein kommen sollte, dann verwandelte er blitzschnell das Publikum vor Ort in einen Fischer-Chor und zeigte, wie einfach und wie schön es ist, gemeinsam Musik zu machen.

Fischer mochte es ganz einfach, Massen musizieren zu lassen: Hunderte Sänger, 1.000 und mehr – das war seine Sache. Und waren es keine Sänger, waren es Gitarristen: Am 23. Juni 2007 dirigierte er in Leinfelden-Echterdingen das bis dahin größte Gitarrenensemble der Welt mit über 1802 Musikern. Das brachte ihm einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde ein.
Es galt zum guten Ton unter Musikjournalisten, die sich für seriös hielten, über Gotthilf Fischer und seine Chöre die Nase zu rümpfen: die Programme würden aus volkstümlichen Schlagern bestehen in so simplen Arrangements, dass sie für Massenaufgebote von 1.000 Sängern und mehr aufführbar wären. Das alles habe mit seriöser Chormusik wenig zu tun.

Ausdruck von Menschlichkeit

Die Kritik hatte ihre Berechtigung. Natürlich konnte man es als Verrat an Beethoven ansehen, wenn Fischer die "Ode an die Freude" zum Chorspektakel umfunktionierte – und diese Version mehr als 15 Millionen Mal downgeloaded wurde. Aber all dieses Naserümpfen zielte am eigentlich wichtigen Kern der Sache vorbei: Fischer setzte eine Bewegung in Gang, die, wenn überhaupt politisch orientiert, zutiefst pazifistisch war und ganz einfach der gemeinsam erlebten Freude diente. Es war charakteristisch für Fischer, dass er als 72-Jähriger im Jahr 2000 an der Berliner Loveparade teilnahm und, nachdem die Veranstaltung wegen Geldnöten abgesagt worden war eine Verlegung nach Stuttgart für das Jahr 2004 anbot. Fischer liebte die Menschen wirklich – und er konnte sich nicht genug mit Massen von ihnen umgeben.
Soll man Fischer vorwerfen, dass er, Kehrseite der Medaille, sich schon auch gekonnt in Szene zu setzen wusste? Dass er enorm geschäftstüchtig war?

Seltsamerweise tauchen diese Argumente immer nur dann im deutschsprachigen Feuilleton auf, wenn ein Musiker aus der eigenen Region einen breiten Erfolg hat. Engländern und Amerikanern verzeiht man Popularität – und auch einen vielleicht unreflektierten Glauben an das Gute im Menschen – viel eher. Vielleicht war ihm unter den vielen Auszeichnungen diese am wichtigsten: Für seinen Einsatz zur Erhaltung des Friedens auf der Welt erhielt Gotthilf Fischer den ersten Weltfriedenspreis 2006 der Internationalen Chorolympiade. Die Auszeichnung wurde ihm am 28. Dezember 2006 in Stuttgart durch den deutschen Altbundespräsidenten Walter Scheel überreicht.

Im fränkischen Wilhermsdorf gründete Fischer den Verein Bund zum Erhalt des deutschen Liedguts: Es berührt, dass es ihm wirklich um die Lieder ging, um das Gefühl, Traditionen zu bewahren ohne den Hautgout der Deutschtümelei oder des Nationalismus zu verströmen. Was Fischer in Bewegung setzte, mochte naiv gewesen sein, man mochte darüber die Nase rümpfen und es belächeln. Aber letzten Endes hat Fischer sehr vielen Menschen ganz einfach Freude gespendet. Auch das ist ein Wert der Musik, der nicht zu verachten ist.