Engelbert Humperdinck war ein Genie! Es wäre an der Zeit, nicht nur allweihnachtlich (sofern nicht Corona einen allgemeinen Winterschlaf verordnet) "Hänsel und Gretel" über die Bühnen zu jagen, sondern auch einmal "Die Königskinder" auszuprobieren - und zwar in der Erstfassung mit tonhöhenfixierten Sprechstimmen, deren Erfindung Arnold Schönberg zugeschrieben wird.

Engelbert
Engelbert

Das Naxos-Label legt nun Schauspielmusiken Humperdincks vor. Der Begriff ist weit gefasst: Die Ouvertüre zu "Die Heirat wider Willen" stammt aus der Oper, "Das Wunder" ist die Musik zum englischen Film "The Miracle" von 1912, der in Österreich gedreht wurde, "Die Wallfahrt nach Kevlaar" eine kantatenhafte Ballade. Schauspielmusiken im engsten Sinn sind nur "Der Kaufmann von Venedig" und "Lysistrata".

Hans Rott Symphonie Nr. 1 u.a. (Capriccio)
Hans Rott Symphonie Nr. 1 u.a. (Capriccio)

Allen Werken ist gemeinsam, dass Humperdinck nicht an Aufwand geizt: Bunt besetzte Orchester, dazu Soli, auch Chor, beflügeln seine kompositorische Fantasie. Dass in der herrlichen Shakespeare-Musik manches, was alt-englisch sein will, Bayreuth-gefiltert alt-deutsch klingt, soll man dem Richard-Wagner-Assistenten nicht vorwerfen. Die vielleicht schönste Nummer der CD ist der Festzug aus "Lysistrata": Karger als erwartet, evoziert er die Antike, ohne zu antikisieren.

Der britische Dirigent Christopher Ward hat sich bereits um Franz Schreker angenommen. Jetzt spielt er das komplette Orchesterwerk von Hans Rott ein. - © IMG
Der britische Dirigent Christopher Ward hat sich bereits um Franz Schreker angenommen. Jetzt spielt er das komplette Orchesterwerk von Hans Rott ein. - © IMG

Dario Salvi dirigiert Chor und Orchester von Malmö fulminant, Andrea Chudak, Ruxandra Voda van der Plas und Harrie van der Plas sind die Solisten einer CD, die nicht nur Raritäten-Sammler begeistern wird.

Herrgott, schaff die Triangel ab! Die E-Dur-Sinfonie von Hans Rott ist einer der großen Geniestreiche der Musikgeschichte. Der österreichische Komponist, der 1884 mit nur 25 Jahren im Wahnsinn starb, nachdem er von Johannes Brahms auf die übelste Weise gedemütigt worden war, war mit Gustav Mahler befreundet. Mittlerweile weiß man, dass Mahler Rotts E-Dur-Sinfonie bis zum Zitat als Inspirationsquelle verwendete. Diese Sinfonie ist ein Wunder - das nur durch den penetranten Einsatz der Triangel vergällt wird: Jeder Höhepunkt klirrt, jeder Rhythmus wird bimmelnd markiert. In falsch verstandener Werktreue wagt kein Dirigent den retuschierenden Eingriff.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Auf der zweiten CD der Gesamteinspielung von Rotts Orchesterwerken legt Capriccio auch die hinreißende As-Dur-Streichersinfonie vor, die wohl ein Fragment ist, da sie, ohne Finale, mit einem Scherzo als letztem Satz endet. Rott, bei der Komposition 16 Jahre alt, setzt bei Felix Mendelssohn-Bartholdy an und denkt dessen Stil weiter: Sozusagen erschreibt sich Rott hier seinen eigenen Stil, dem es später nur noch weitere Elemente hinzuzufügen gilt.

Die sind vor allem Wagner’scher Natur, wie der E-Dur-Sinfoniesatz zeigt: Er ist der ursprüngliche Erste Satz der Sinfonie. Schon hier zeigt Rott, zu welcher Größe er fähig ist. Es ist eine weitbogige Musik, die eine Vielzahl von Stilen und Anspielungen summiert und Symphonik als Abbild der Welt begreift.

Das Gürzenich Orchester Köln unter Christopher Ward wird den Werken gerecht, geht es nur um die mittlerweile mehrfach eingespielte E-Dur-Sinfonie, wird man um die Einspielung von Leif Segerstam mit dem Norrköping Symphony Orchestra freilich nicht herumkommen.