Wieso ausgerechnet Weihnachten?

Immerhin gilt Christen Ostern als höchstes Fest. Ostern kann man im Kalender genau festlegen. Weihnachten hingegen ist ein Konstrukt, von dem nur eines sicher ist: Die Geburt Jesu fand ganz bestimmt nicht im Dezember statt. Aber die frühen Christen übermalten schlau das römische Sol-Invictus-Fest, das am 25. Dezember stattfand. Und um den unbesiegten Sonnengott doch kleinzukriegen, muss man halt sehr intensiv feiern.

Aber genügt das als Grund dafür, dass ausgerechnet Weihnachten wie kein anderes Fest mit Liedern und Musik verbunden ist?

Oder hat es damit zu tun, dass die Familie an langen dunklen Abenden zusammensitzt? Vielleicht liegt es auch daran, dass man ein Kind feiert, da sind Wiegenlieder in der Nähe. Der Dauerbrenner "Stille Nacht" etwa wiegt sich im Siciliano-Rhythmus, der für Wiegenlieder charakteristisch ist.

Das Weihnachtslied also hat eine lange Tradition - und man kann getrost "Jingle Bells", "Last Christmas" und "The Little Drummerboy" weglassen, um auf seine Rechnung zu kommen. Und da diese Corona-Weihnachten ohnedies zum guten Teil im Internet stattfinden und man selbst besser ohnedies nicht singen soll, hier ein paar Tipps, um musikalisch über die Runden zu kommen - und zwar mit altem Liedgut.

"Es kommt ein Schiff geladen" ist eines der schönsten Weihnachtslieder: Carl Orffs Mitarbeiterin Gunild Keetmann hat die Melodie nach der Art von Orffs "Schulwerk" für Kinderchor gesetzt und die herbe Schönheit der Melodie aus dem 17. Jahrhundert betont.

Auch "Es ist ein Ros' entsprungen" hat die bittere Süße der alten Weihnachtslieder. Die Melodie ist im Jahr 1599 aufgezeichnet worden. Der deutsche Komponist Hugo Distler hat sie in seiner "Weihnachtsgeschichte" für Chor gesetzt. Distler, 1908 in Nürnberg geboren, schrieb, inspiriert von der Musik des Mittelalters und der Renaissance, wunderbare Werke überwiegend für Kammerchöre. 1942 beging er, unerträglich angewidert vom Nationalsozialismus, Suizid.

Müssen Weihnachtslieder eigentlich botanisch korrekt sein? - "O Tannenbaum" schreibt den Abietoideae Blätter zu. Ja, sowieso, damals um 1800, war alles, was ein Baum an seinen Ästen hatte, ein Blatt. Und überhaupt: Wer kann diesem Lied widerstehen? Es hat etwas von einer Joseph-Haydn-Melodie. Mit einer klassischen Opernstimme klingt das daher besonders schön, etwa, wenn Hermann Prey singt.

Apropos Haydn: Die Melodie von "Morgen kommt der Weihnachtsmann" kennt man auch von einer Wolfgang-Amadeus-Mozart-Variationenfolge. Kein Wunder: Der Text folgt der französischen Melodie "Ah, vous dirai-je, maman", die damals so eine Art Schlager war. Da bei bestem Willen keine vertretbare Bearbeitung des Weihnachtsliedes zu finden war: Wozu weitersuchen, wenn man doch Mozart, gespielt von Clara Haskil,  hat?

"Kommet, Ihr Hirten" ist ein altes Lied aus Böhmen - woher sonst sollte die Melodie mit ihren weichen Terzen stammen? Das könnte ja fast von Antonín Dvořák sein! Gnadenlos zerschmalzt und verschlagert wurde die Melodie. Das schöne barockisierende Arrangement, das Hermann Prey singt, passt viel besser.

Gibt es ein schöneres Weihnachtslied als "In dulci jubilo"? (Subjektiv: Ja. Das beste kommt am Schluss!) Der gemischt deutsch-lateinische Text ist ein Hinweis darauf, dass dieses Lied wirklich sehr alt ist. Tatsächlich: Es stammt aus dem 14. Jahrhundert. Ein herrlicherer Satz des Liedes als der von Johann Sebastian Bach ist schlicht nicht möglich.

Ein Abstecher nach England sei erlaubt. Dort singt man "God rest you merry, gentlemen", wie man aus Charles Dickens' "Weihnachtsgeschichte" weiß (Scrooge quittiert das Lied mit "Humbug!"), und das ist nun wirklich eine seltsame Melodie, nämlich, trotz des festlichen und frohen Anlasses, in Moll, aber nicht einmal weiches, warmes Pastoral-Moll, sondern ruppig robustes. Die Melodie aus dem 18. Jahrhundert soll auf eine noch ältere zurückgehen, die bei heidnischen Winter-Sonnwendfeiern gesungen wurde. So seltsam und stark ist die grimmige Melodie, dass Benjamin Britten über sie die herrliche Variationenfolge "Men of Goodwill" komponierte.

Damit sind wir schon bei der von klassischen Komponisten komponierten Weihnachtsmusik - und deren Aufzählung wäre schier endlos, denn die Sache beginnt ja nicht erst mit Johann Sebastian Bachs "Weihnachtsoratorium", sondern schon mit Heinrich Schütz' "Weihnachtshistorie" - und da sind diverse weihnachtliche Festmessen noch nicht einmal erwähnt. Schütz' Historie ist ein Wunderwerk, das man unbedingt kennen sollte - nicht zuletzt, weil es genau den festlichen, dabei weich glänzenden Tonfall einführt, den man heute mit Weihnachtsmusik verbindet.

Fast schon zum Klassiker geworden ist die "Tschechische Weihnachtsmesse" von Jakub Jan Ryba aus dem Jahr 1796. Das Graduale an dritter Stelle der Messe nimmt auf das Weihnachtsgeschehen Bezug. Ein einzigartiges Wunder ist diese Messe! Ryba schrieb sie in tschechischer Sprache. Die Musik ist von von nahezu schlagerhafter Einprägsamkeit und einer bezwingenden Frische. So klingt Weihnachten!

Benjamin Britten hatten wir schon als Komponisten einer Variationsfolge über "God rest you merry, gentlemen". Der Komponist hatte eine besondere Affinität für Kinder und Kindheit. Manche Biografen meinen, er habe sich fast krankhaft in seine eigene Kindheit zurückgesehnt. Offenbar hängt damit ein Faible für Weihnachten zusammen, das er auch im wunderschönen Zyklus "A Ceremony of Carols" ausdrückte. Der unfassbar farbintensive Kinderchor wird von einer Harfe begleitet, das Ergebnis ist ein Weihnachtswunder.

Weihnachtsopern, Weihnachtsoratorien, Weihnachtskantaten, Weihnachtsspiele - man kann sie unmöglich auch nur ansatzweise vollständig aufzählen. Und Engelbert Humperdincks fabelhafte Oper "Hänsel und Gretel" wäre nicht einmal dabei, weil sie inhaltlich mit Weihnachten überhaupt nichts zu tun hat. Dafür müsste man die unendlich berührende Oper "Amahl and the Night Visitors" vom Italoamerikaner Gian Carlo Menotti rühmen, der mit einer Mischung aus Frische und Italianità eine der schönsten Weihnachtsgeschichten überhaupt auf die Bühne bringt, und "A Christmas Carol" nach Dickens von der Schottin Thea Musgrave. Auch der Tscheche Jan Cikker hat den Dickens-Stoff komponiert unter dem Titel "Abend, Nacht und Morgen". Ein verborgenes Meisterwerk ist die Oper "Ein Stern geht auf aus Jaakob" von Paul Burkhard, dem Schweizer Komponisten des Musicals "Feuerwerk" ("Oh, mein Papa"), aber seine Weihnachtsoper ist groß und herb und überwältigend - leider ist keine Aufnahme zu finden. Das "Ludus de nato infante mirificus" von Carl Orff hingegen basiert auf dem Modell alter bayerischer Krippenspiele. Voller Tiefsinn ist der in altertümelnder Mundart gesprochene Dialog - aber das Werk braucht die Szene. Weshalb der Bayerische Rundfunk seine hinreißende Verfilmung nicht auf DVD herausbringt, wird wohl ein Geheimnis bleiben.

In der Tradition Bachs steht "Une Cantate de Noël" des Schweizers Arthur Honegger, der darin das Weihnachtsgeschehen komprimiert auf 25 Minuten erzählt - anfangs dunkel, aber allmählich lichtet sich das Geschehen und mündet in ein triumphales Weihnachtslieder-Potpourri.

Und damit zurück zum Ausgangspunkt: Den alten Weihnachtsliedern und ihrer besonderen Magie der Seelenerwärmung. Wie könnte man solch einen ohnedies nur kleinen Überblick beschließen ohne das bekannteste Weihnachtslied von allen? "Stille Nacht, heilige Nacht" wurde verkitscht, verfilmt, verschlagert, es gibt eine Originalfassung und korrumpierte Fassungen als wär's eine Anton-Bruckner-Sinfonie, und, apropos, der polnische Komponist Krzysztof Penderecki hat es in seine Zweite Sinfonie, die "Weihnachtssinfonie", zitatenhaft eingebaut. Und wenn man noch so sehr nach dem Original ruft: Inniger als Peter Schreier hat das niemand gesungen.

Und damit zum Schluss und zum (ja, gewiss, subjektiv) allerschönsten Weihnachtslied überhaupt: "Maria durch ein Dornwald ging": Verbreitet hat es sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es älter ist, ist relativ groß, weil die musikalische Anlage der Melodie darauf verweist: Sie steht in Moll und hat nichts von den Weichheiten der Lieder des 19. Jahrhunderts. Diese Herbheiten betont der Satz des deutschen Komponisten Heinrich Kaminski, der mit seiner "Dorischen Musik" und seiner kühnen Oper "Das Spiel vom König Aphelius" die Wiederentdeckung wert wäre. Möge diese Musik sogar Weihnachten 2020 den Stern leuchten lassen!