Vergessen wir den unschuldigen Schwan: Cello ist Erotik. Cello ist Sex. Das macht den heutigen internationalen "Tag des Cellos" zu einem . . .

Na gut, es geht auch ganz seriös um Musik.

Aber wer behauptet, er komme beim Cello um die gewissen Assoziationen herum, ist nicht ganz glaubwürdig. Das Cello, ganz Testosteron-Tenor, und die nackte Frau, die auf ihm herumfingert: auf Postern in lustbetonter Farbe oder in noblem Schwarzweiß. Da räkeln sich Schönheiten, als wäre das Instrument der Begierde ein Cabrio oder ein Mineralwasser. Ja, eh: Sex sells.

Aber im Ernst: Dass man Sportwagen via schöne Frau an den midlifecrisisgeplagten Mann bringen will - verständlich. Aber welcher Schwerenöter legt sich schon ein Cello zu, nur weil ihm eine leicht, wenn überhaupt, bekleidete Blondine heiße Nächte vorgaukelt?

Dreimal raten, was auf dem Cover der Schallplatte "Eine kleine Nacktmusik" des Labels Marcato zu sehen ist. (Kleine Entscheidungshilfe: Es ist kein bärtiger Oboist.) Und die italienische Erotik-Komödie "Il Merlo maschio" heißt auf deutsch nicht etwa "Die männliche Amsel", sondern der Titel beschreibt das Filmplakat: "Das nackte Cello". Wobei nicht das Cello nackt ist, sondern Laura Antonelli, die auf ihm musiziert. Im Film "Die Hexen von Eastwick" erspielt sich Susan Sarandon mit Antonín Dvořáks Cellokonzert einen Orgasmus.

Mit Antonín Dvořáks Cellokonzert?

Ja, mit Antonín Dvořáks Cellokonzert.

(Und jetzt stelle man sich das mit Mstislaw Rostropowitsch als Interpreten vor. So leicht kann man eine erotikgeladene Filmszene ruinieren . . .)

Reizvolle Form

Und warum all der cellistische Sexkram? - Natürlich kann man mit der Form des Cellos argumentieren, die einem menschlichen Körper ähnelt, sofern man etwa Fantasie investiert. Aber weit pikanter ist, wie man das Cello hält, nämlich mit breit gespreizten Beinen. Und schon erzielt die Fantasieinvestition mehr Zinsen als jede Lebensversicherung.

So, und jetzt ganz seriös musikalisch, so schwer es auch fällt. Rein historisch gesehen, ist das Cello, das mit vollem Namen Violoncello heißt, der Bass der Viola-da-braccio-Familie, die sich im 15. und 16. Jahrhundert parallel zu den Gamben entwickelt hatte. Fällt etwas auf? "Bratsche", abgeleitet von "braccio", ist der deutsche Name der italienischen "Viola". Bratsche und Cello sind ergo Verwandte. Auch die Violine gehört zur Familie. Während frühe Celli oft drei Saiten hatten, hat sich die Bauweise mit vier im Quintabstand gestimmten Saiten durchgesetzt. Die Maße und die Form des heutigen Cellos gehen auf Antonio Stradivari zurück, der im 18. Jahrhundert das Instrument perfektionierte. Andere bedeutende Cellobauer waren Domenico Montagnana und Matteo Goffriller.

Der Reiz des Cellos besteht in seinem enormen Tonumfang von vier Oktaven und mehr, je nach Können des Cellisten, in seiner Beweglichkeit, die der Violine in nichts nachsteht, und in seinem noblen Ton. Das Cello verleiht den Streicherstimmen Fülle und Körper (ausnahmsweise außermusikalische Assoziationen ausschalten!). Es ist bezeichnend, dass die Orchester vieler Musicals, etwa der "West Side Story", keine Bratschen verlangen, sondern deren Aufgaben unter den Celli aufteilen.

Und doch: Die großen klassischen Cellokonzerte - wo sind sie? Bitte, schnell, ohne googeleske Hilfe, alles aufzählen, was in den Sinn kommt. Joseph Haydn, der innovativste Komponist der Musikgeschichte schrieb zwei. Antonio Vivaldi kann man auf Verdacht anführen, er schrieb ja Tonnen von Konzerten - tatsächlich: 27 für Cello sind darunter. Und weiter, bitteschön?

Wenige Konzerte

Ja, eben: Nichts bei Mozart, beinahe Fehlanzeige bei Beethoven, der nur das Tripelkonzert für Violine, Violoncello, Klavier und Orchester beisteuerte. Gleiche Teil-Fehlanzeige bei Johannes Brahms, dem Komponisten eines Doppelkonzerts für Violine, Violoncello und Orchester. Ebenfalls eine Art Doppelkonzert, in diesem Fall für Bratsche und Cello, ist Richard Strauss’ "Don Quixote".

Reine Cellokonzerte sind rar: Robert Schumanns, selten gehört, ist aus kompositorischen Gründen (die Instrumentierung erdrückt das Soloinstrument) ein Problemfall. Der einzige Dauerbrenner ist das von Antonín Dvořák. Womit die bekannte klassische Konzertliteratur für das Cello endet, sofern nicht Spezialisten noch den meist übersehenen Luigi Boccherini (mit zwölf einschlägigen Werken), Matthias Georg Monn, Julius Klengel und Camille Saint-Saëns anführen. Das Cello ist fast ausschließlich verbannt in die Kammermusik.

Bekannte Namen von Virtuosen, vergleichbar dem Geiger Niccolò Paganini oder dem Pianisten Franz Liszt? - Vorerst keine Spur davon.

Die Erweckung des Cellos

Und dann kommt das 20. Jahrhundert und ändert alles. Den Anfang macht der Katalane Pau Casals, der die klassische Literatur auslotet. Zur wegweisenden Gestalt wird in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Mstislaw Rostropowitsch. Der russische Cellist (und später auch Dirigent), am 27. März 1927 in Baku geboren, am 27. April 2007 in Moskau gestorben, sah es als seine Lebensaufgabe, das Repertoire für sein Instrument zu erweitern. Er erteilte unzählige Aufträge für Cellokonzerte und spielte auch viele Werke von oft zweifelhaftem Wert.

Mit Rostropowitsch wird das Cello zum begehrten Star. Alle Komponisten machen ihm Avancen. Andererseits folgen zahlreiche Cellisten dem katalanischen ebenso wie dem russischen Cello-Erwecker, wagen die Solokarriere und geben auch Werke in Auftrag. Unter den Deutschen etwa kümmert sich der mit Rostropowitsch gleichaltrige Siegfried Palm um die neue Cello-Literatur. Die Engländerin Jacqueline du Pré wird gar zur Ikone - gewiss auch durch ihre Multiple-Sklerose-Erkrankung, die ihr ihre spielerischen Fähigkeiten nimmt, und durch ihren frühen Tod mit 42 Jahren.

Und jetzt sind sie da, die großen Cellokonzerte der großen Komponisten: Benjamin Britten sticht heraus, weil er das Repertoire nicht nur mit seiner bedeutenden, herben Cello-Sinfonie bereichert, sondern obendrein eine Sonate für Cello und Klavier und drei Solo-Sonaten hinzufügt - alles für seinen Freund Rostropowitsch komponiert. Samuel Barber, Henri Dutilleux, György Ligeti, Witold Lutoslawski, Darius Milhaud, Krzysztof Penderecki, Sergej Prokofiew, Alfred Schnittke, Dmitri Schostakowitsch: Fest scheint es leichter, die Komponisten zu nennen, die kein Cello-Konzert geschrieben haben. Bei keinem Instrument giert der Markt vergleichbar nach neuen Werken.

Und doch: Wer an Cello denkt, denkt an diese eine Melodie, unendlich schön, wie unberührt vom Zugriff des Menschen: Der "Schwan" aus Saint-Saëns "Karneval der Tiere". Der Schwan lebt übrigens und erfreut sich bester Gesundheit. Erst eine unnötige Vertanzung macht aus ihm den "sterbenden Schwan". Und jetzt Hand aufs Herz: Diese Melodie, gespielt von einer Cellistin . . .

Ein Schelm, wer behauptet, da nur an Tonika und Dominante zu denken . . .!