Krystian Zimerman hat Pech mit seinen Beethoven-Projekten. Als er erstmals die fünf Klavierkonzerte einspielte, stand anfangs Leonard Bernstein am Pult - doch der Weltstar starb, bevor der Zyklus abgeschlossen war, und so komplettierte Zimerman die Aufnahme als Solist und Dirigent in Personalunion.

Nun hat sich der polnische Pianist die Konzertserie erneut vorgenommen, und diesmal hieß das Problem 2020 - mit den bekannten, viralen Begleitumständen.

Zwar sind die Aufnahmen mit ein und demselben Dirigenten, nämlich Sir Simon Rattle, mittlerweile alle im Kasten. Doch die Pandemie hat sich als Hemmschuh auf dem Weg durch die Partituren erwiesen. So galt es für das London Symphony Orchestra etwa, unter Sicherheitsabständen aufzunehmen - und dennoch ein kompaktes Klangbild zu wahren. Es sind wohl Unbilden wie diese am kuriosen Verkaufsstart schuld: Der Zyklus gelangt nicht mehr heuer, also im Beethovenjahr, in den Handel, sondern erst im April 2021. Aber immerhin: Zumindest das Erste Klavierkonzert ist digital am 250. Komponistengeburtstag im Dezember veröffentlicht worden, und wie sich diese 34 Minuten anhören, sollte das Interesse bis zum Frühling wachhalten.

Ludwig van Beethoven Complete Piano Concertos (DG)
Ludwig van Beethoven Complete Piano Concertos (DG)

Zimerman hat sein Beethovenbild überdacht, bekennt er im Begleittext: "Ich spielte das Erste Klavierkonzert früher als sehr ernstes Stück, aber heute denke ich nicht mehr so. Ich kann auf einmal Spaß daran haben, es leichter zu spielen, mit mehr Freude." Dieser Ansatz dürfte auch historisch seine Richtigkeit haben: Immerhin hob Beethoven dieses Klavier-Opus nicht als mürrischer Meister aus der Taufe, sondern als Energiebündel um die 30, das sich zum Entzücken der adeligen High Society Imponierstücke auf den eigenen Virtuosenleib geschrieben hatte.

Teodor Currentzis Fragments Part I "Traviata" (Sony Classical)
Teodor Currentzis Fragments Part I "Traviata" (Sony Classical)

Und genauso legt Zimerman das C-Dur-Konzert an. Man meint da weniger einen rauschebärtigen Pianisten zu hören als einen Jungspund, der sein Publikum mit Witz und Elan hinreißt. Ein Tastenverführer mit delikatem Anschlag, aber auch Spaß an der Freud‘: Staccati werden gern keck in die Klaviatur geklopft, hier und da setzt es eine schroffe Forte-Pointe. Kurzum: Ein Vortrag, der Jugendfrische mit Subtilität vereint. Darauf ist auch das Orchester eingestellt, das unter Rattles Leitung mit Spritzigkeit und Eleganz beglückt, die Tempi straff hält, aber beizeiten auch in romantischer Klangfülle schwelgt.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Einen eigenwilligen Zeitvertreib hat sich Teodor Currentzis ersonnen. Während die Bühnen heuer stillstanden, hat der Exzentriker mit seiner Gefolgschaft von der MusicAeterna die Reihe "Fragments" in Angriff genommen: Eine Serie von digitalen Mini-Alben, die sich jeweils einem Opernausschnitt widmen mit dem Ziel, eine "Schönheit wiederzuerwecken", die "auf dem Altar des Mainstreams und der Musikindustrie geopfert" wurde. Nun ja: Fraglich, ob man da eher von einer Kur oder einem Kuriosum sprechen darf. Teil eins mit dem glasorgelhaften Sopran von Nadezhda Pavlova, übrigens auch auf YouTube abrufbar in Form eines sinisteren Schwarzweiß-Videos, ist jedenfalls ein Unikum: So weltabgewandt, sphärisch und hallig ist der dritte "Traviata"-Akt (vom Vorspiel bis zu "Addio del passato") wohl noch nie im Äther geschwebt. Oper als Totenmesse.