Mehr als 500 Mal hat Riccardo Muti die Wiener Philharmoniker geleitet, und auch bei ihrem Neujahrskonzert ist er ein Veteran: Der Mann aus Neapel hat den Traditionstermin im Musikverein bereits fünf Mal kommandiert, zuletzt 2018.

Wenn Muti an diesem Freitag mit den Musikern abermals "Prosit" in den Goldenen Saal ruft, ist es dennoch gleichsam ein Debüt - denn die Strauß-Walzer und Neujahrswünsche erklingen diesmal ausschließlich für die 30 Millionen TV-Seher weltweit; die Reihen im Musikverein bleiben aus Covid-Gründen verwaist. Stimmungsmusik in gähnender Leere: Muti nannte dieses Szenario in einem Interview unlängst "fast pervers" und hoffte bis zuletzt auf eine Lockerung der Vorgaben - doch leider vergebens. Ein kleines Trostpflaster, das der ORF organisiert hat: Am Ende der beiden Konzerthälften werden Lautsprecher den Saal mit Applaus fluten, live zugespielt aus den Eigenheimen von rund 7.000 Zuschauern.

Täglich grüßt der Covid-Test

Die Pressekonferenz an diesem Dienstag fand ebenfalls ohne Gewusel statt - und lieferte so gewissermaßen einen Vorgeschmack auf den Neujahrstag: Die Sprecher hatten auf der Bühne des leeren Konzertsaals Position bezogen und richteten sich per Video an die Welt. Warum sie dabei keine Maske trugen, erklärte Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer vorweg: Die Musiker unterziehen sich jeden Morgen einem Corona-Test und tragen als sichtbaren Nachweis eine Plakette. Zudem benützen sie abseits der Bühne einen Mund-Nasen-Schutz im Haus von Intendant Stephan Pauly. Man fühle sich "sehr privilegiert", dieses Konzert überhaupt spielen zu dürfen, sagte Froschauer mit Blick auf die global darbende Musikerschaft. Und: "Wir gehen sehr verantwortungsvoll mit diesem Privileg um."

Und Muti? Er scheint sich mit den leeren Rängen abgefunden zu haben und will dem TV-Publikum Hoffnung senden. Wobei: Es sei schon "seltsam, diese Musik so zu spielen", erklärte er und dachte an das Ende einer Schnell-Polka. "Das ist dann so, als würden wir voller Enthusiasmus in einem Bahnhof einfahren", wo die Menschen für gewöhnlich eine Reaktion zeigen. "Aber das wird nicht passieren", sagte Muti. Trotzdem sei alles besser als eine Absage: "Der Musikverein ohne Musik wäre am 1. Jänner wie ein Grab", meinte der 79-Jährige, der sich angesichts leerer Hotels und Straßen mitunter "in einem Horrorfilm" wähnt.

Und wie fühlt er sich am Pult vor seinem sechsten Neujahrskonzert? Jedenfalls sicherer als bei seinem ersten 1993, als er "nächtelang nicht schlief". Das vermeintlich simple "Tatarata" des Neujahrskonzerts sei "nie einfach. Man spielt vor Millionen Menschen, Fehler können passieren." Dabei sei die Musik "delikat, herausfordernd, technisch schwierig". Ein Gefühl der Erleichterung stelle sich erst bei der letzten Zugabe ein, beim Radetzky-Marsch.

Wobei es Muti nicht stört, dass dieser Ohrwurm 2021 ohne mitklatschende Hände im Saal auskommen muss: "Ich werde immer wieder gefragt: Wie ist denn das möglich? Aber genau so wurde der Radetzky-Marsch geschrieben."