Veränderung zeigt sich am stärksten im Spiegel des Vertrauten. Im Neujahrskonzert etwa. 2021 stand auch der verlässlich wiederkehrende Hort der Tradition im Zeichen der Pandemie: mit Musik der Strauß-Dynastie, prachtvollem Blumen- und Ballettschmuck - aber ohne Publikum im Saal. Mit dem digital live aus 7.000 Wohnzimmern eingespielten Applaus geriet es unter Dirigent Riccardo Muti zum gespenstischen wie glanzvollen Gegenwartsbild einer Welt auf Distanz, aber auch zum vital trotzigen Hoffnungssignal.

Wir bestehen diese Pandemie, schien es aus jeder gespielten Note herauszuschreien, es gibt eine Welt nach dem Virus, ein lustvolles Wir nach den Monaten der Isolation. Gerade unter den aktuellen Einschränkungen wurde das Konzert damit zur festlichen Feierstunde der Musik - und damit des ganz speziellen Trostes, den nur sie zu spenden in der Lage ist. Es gibt sie noch, so die Botschaft dieses außergewöhnlichen Konzertes, die durch den schmerzlichen Verlust noch teurer gewordene Normalität, konserviert in der ewigen Musik der Familie Strauß.

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Rustikaler Start

Der musikalische Start ins neue Jahr geriet mit Franz von Suppès Marsch aus der Operette "Fatinitza" deftig rustikal, wandelte sich aber mit Johann Strauß Sohn zur strahlenden Eleganz des "Schallwellenwalzers" und der aufgebrachten Vitalität des "Niko-Walzer". In die "Ohne Sorgen"-Polka von Josef Strauß mischte sich in den Subtext ein makabrer Beigeschmack angesichts der leeren Reihen, die auch als Symbol gelten können für die reale Leerstelle, die das Virus mit tausenden Toten mitten unter uns klaffen lässt. Doch Muti lieferte auch zarte Augenblicke etwa rund um das Cello-Solo in Suppés Ouvertüre "Dichter und Bauer", schwungvoll kräftigen Esprit wie in Karl Komzáks Walzer "Badner Madl’n". Der finale Teil geriet klassisch: fokussiert auf Johann Strauß Sohn - und Vater. Elegant geriet der "Frühlingsstimmenwalzer", majestätisch der "Kaiser-Walzer".

Dass mit Riccardo Muti nach diesem Krisenjahr ein Dirigent am Pult stand, der dem Orchester bereits seit 50 Jahren verbunden ist, ist ein Geschenk: Nicht alles ist anders, es gibt noch Konstanten in unserem erschütterten Koordinatensystem. Die leichte, doch stets profunde Eleganz des italienischen Maestros etwa, der markante Konturen in Partituren nicht scheut, sofern sie in nächsten Augenblick von umwerfender Klangschönheit umfangen werden. Nicht nur den Philharmoniker sprach Muti damit 2021 aus der musikalischen Seele. Auch mit Mutis Vertrauen in den Fluss des Lebens, wenn er sich auch einmal zurücklehnen und das Orchester eine Polka lang einfach spielen ließ. Schließlich kennt und vertraut man einander blind. Der digitale Applaus klang übrigens etwas statischer als vor Ort - dennoch eine trostvolle Geste.

Prächtiger Trotz

Dank des üppigen Blumenschmuckes kam die Schönheit des leeren Goldenen Saales im Musikverein noch mehr zur Geltung. Trauriger Nebeneffekt: Die Blumen werden nicht wie sonst die Wohnzimmer der Besucherinnen und Besucher für einige Tage erhellen. Auch der Musik selbst tat die Leere erstaunlich gut, konzentrierte und reduzierte ein gesellschaftliches Prestige-Spektakel auf den friedvollen musikalischen Gruß, der von Wien in die Welt geht. Reduktion ist mitunter eine Wohltat, hat uns die Krise ungefragt brutal gelehrt - auch beim nicht abgebrochenen "Donauwalzer" und dem vom Klatschen befreiten "Radetzky-Marsch".

Dieses glanzvolle Neujahrskonzert vor leeren Reihen offenbarte einmal mehr die grausame Fairness des Virus, die an Ferdinand Raimunds "Hobel-Lied" denken lässt. Kollektiv aus dem Saal gebannt, setzt es den Hobel an und macht uns in unserer Isolation alle ein bisschen gleicher. Wenn aus dieser Erkenntnis 2021 eine neue Form der Solidarität, ein neuer Begriff von Menschlichkeit erwachsen könnte, so hätte die Krise trotz der harten Entbehrungen dem Menschen zu einer Entwicklung verholfen. Zumindest während des Neujahrskonzertes darf so ein optimistischer Blick in die Zukunft erlaubt sein.

1,3 Millionen Zuseher bei ORF-Übertragung

Live in ORF 2 verfolgten am Neujahrstag bis zu 1,3 Millionen Zuseher die 63. ORF-Übertragung des Neujahrskonzerts mit, das heuer in insgesamt 92 Ländern gezeigt wurde. Im Schnitt sahen den (reichweitenstärkeren) zweiten Konzertteil 1,2 Millionen bei einem Markanteil von 54 Prozent (40 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe 12 bis 49 Jahre, 50 Prozent bei den 12- bis 29-Jährigen). Der erste Teil des Konzerts erreichte bis zu 1,1 Millionen Klassikfans. DAuch den diesmal von Felix Breisach gestalteten ORF-Film zur Konzertpause mit dem Titel "Happy Birthday, Burgenland! 1921–2021", der das jüngste und kleinste Bundesland Österreichs zum 100-Jahr-Jubiläum würdigte, sahen bis zu 1,2 Millionen.