Und dafür wurde das Internet erfunden? Den YouTubern, Protagonisten selbstgedrehter Videos auf der gleichnamigen Plattform, eilt ein dubioser Ruf voraus. Nach der landläufigen Meinung sind sie Menschen, die ein halbwüchsiges Publikum mit dem Schminken von Puppen verblöden, "unabhängige" Produktempfehlungen aussprechen, sich als "Influencer" Luxusurlaube ergaunern oder es mit anderweitigem Schindluder zu tausenden Likes, Abonnenten und Werbeeinnahmen auf dem Streaming-Portal von Google bringen.

Dennoch: Der Konsum von YouTube muss nicht so lobotomierend sein. In seinen digitalen Tiefen lassen sich Kanäle aufstöbern, die nicht von "sprechenden Frisuren" betrieben werden, um es mit Neil Postman zu sagen. Mit Anspruch gemacht, bescheren diese Videos selbst Akademikern ein Aha-Erlebnis. Dabei ist der Tisch auch für Musikfreunde reichlich gedeckt. Nicht nur tummeln sich auf YouTube tausende Instrumentallehrer wie die charmante Jazzpianistin Aimee Nolte, sondern auch etliche Musikerklärer. Ihre Clips können es bisweilen mit TV-Dokumentationen aufnehmen und gehen mehr in die Tiefe, als es sich Sender wie Arte gestatten. In der Folge einige Empfehlungen für die aktuelle Lockdown-Etappe. Voraussetzungen sind lediglich eine Internetverbindung - und mittelmäßige Englischkenntnisse.

1. Der Kunstvermittler

Wer im Konzertsaal gern Einführungsvorträge besucht, dürfte auch an dem YouTube-Kanal "Inside the Score" seine Freude haben. Die Ausrichtung ist klassisch, das Thema ist es meist auch: Warum zankten sich die Neudeutschen mit ihren Gegnern? Was ist der Bauplan hinter Beethovens Neunter? Was das "geheime Thema" hinter den "Enigma-Variationen" von Edward Elgar? Der gediegene Erzähler spricht seine rund 200.000 Abonnenten meist aus dem Off an und füllt den Bildschirm mit sachdienlichem Blickfutter: ein Grundkurs in abendländischer Musik. Erfrischend sind die Schlenker in Richtung Kino - wie zuletzt der Beitrag, inwiefern Christopher Nolans Thriller "Tenet" auch musikalisch das Vor- und Rückwärtslaufen von Zeit thematisiert.

2. Der Komponist von nebenan

Der Kanal von David Bruce, 175.000 Abonnenten schwer, ist ein Mirakel für sich. Wie erarbeitet ein englischer Komponist nebenbei solche Spitzen-Videos? Mal spricht der Brite direkt in die Kamera, mal erinnern Animationen ein wenig an den Stil von Monty Python, mal rücken bewegte Notenbeispiele ins Bild. Jüngster Blickfang: Eine (subjektive) Rangliste der zehn heftigsten Schockakkorde aller Zeiten. Eine Hitparaden-Signation, wohl aus dem Fernsehen der 80er Jahre, lockert die Analysen von J. S. Bach bis György Ligeti auf. In aufwendigen Recherchen spannt Bruce kulturgeschichtliche Bögen oder vertieft sich in Nischen wie die Looney-Tunes-Sountracks und ihren Einfluss auf die Avantgarde. Ein Wunderhorn des Wissens.

3. Der Junge

David Bennett ist gewissermaßen der Dorian Gray unter den YouTubern: Seit seinem ersten Video keinen Tag gealtert, betört er nicht zuletzt mit einem gepflegten englischen Akzent. Der Pianist mit den 329.000 Followern hegt eine Vorliebe für die harmonischen Finessen der Beatles, von Queen, Radiohead und Billy Joel. Diese Eigenheiten kitzelt er in Analysen liebevoll hervor, um heutigen Songwritern Mut zum Unkonventionellen zu machen. Auch seine Plagiatsbeiträge besitzen hohen Unterhaltungswert - wenn auch nicht für Popstars wie Bruno Mars und Billie Eilish.

4. Der coole ältere Bruder

Adam Neely ist E-Bassist, New Yorker - und ein Grund zum Kulturoptimismus. Der Mann hat 1,2 Millionen Abonnenten, obwohl er auf komplexe Themen setzt statt auf Katzenvideos. Ein Mitgrund dürfte sein Auftreten sein: Neely ist der große Bruder, den man nie hatte, sein Lächeln, kumpelhaft und gleichwohl überlegen, ist ein Versprechen: Ja, auch du kannst so cool werden wie ich. Dabei bereitet er seine Wissensfülle über Popularmusik spritzig auf: Sein Video, warum "The Girl from Ipanema" im Original weitaus mehr Substanz als Fahrstuhlmusik birgt, ist ein Musterbeispiel für eine profunde musikhistorische Auseinandersetzung und fadisiert dank gestalterischem Geschick 30 Minuten lang kein bisschen. Das gilt auch für den Beitrag über das vermeintlich schlechteste Jazz-Solo aller Zeiten - eine Anekdote, anhand derer Neely die Geisteshaltung unter Saxofonisten der späten 50er Jahre beleuchtet.

5. Der alte Hase

Rick Beato steht in der Publikumsgunst noch höher: Der weißhaarige US-Amerikaner mit den zwei Millionen Abonnenten (!) darf als Nestor der Musik-YouTuber gelten. Grafisch weniger verspielt, ist er thematisch breit aufgestellt: Der 58-jährige Produzent, Pädagoge und Gitarrist geht dem Nachwuchs mit Lehrvideos zur Hand, ackert sich durch Hitparadenschrott, legt der Jugend Steve Vai und Ludwig van Beethoven ans Herz und bezieht auch gern - ein Dauerbrenner - zu Plagiatskonflikten Stellung.

6. Der Schelmische

Den Preis für die aufwendigsten Videos gewinnt Martin Keary alias Tantacrul. Das kommt nicht von Ungefähr, denn der Brite (220.000 Follower) ist Komponist und Software-Designer. Und obendrein ein begnadeter Spötter. Das Video, in dem er die Nazis "Bazis" nennt, weil andernfalls bei YouTube die Alarmsirenen anspringen und ihn dies Werbeeinnahmen kostet, ist nur ein Beispiel für Kearys beißenden Witz. Seine schönsten Videos sind Wissensvehikel und kleine Kunstwerke für sich - ob nun die erwähnte Hommage an Dmitri Schostakowitsch oder das augenzwinkernde Porträt der Gattung Klaviertrio.

7. Der Nerd

Eine klare Bildsprache verfolgt 12tone: Der Mann mit den 405.000 Followern zeichnet während seiner Videos im Zeitraffer und fachsimpelt auch so rasch. Oft lösen Rockhits diese Tiraden aus, aber auch Nerd-Themen - wie etwa die Frage, wo sich in dem Ludacris-Song "Rollout" der On- und der Off-Beat befinden (da gibt es nämlich zwei Lager), oder ein Kuriosum namens Bohlen-Pierce-Skala, die nicht etwa auf einen gewissen Dieter zurückgeht, sondern auf Mikrowellentechniker. Danach schwirrt einem schon der Kopf - und es meldet sich ein klein wenig Lust auf ein dummes Schminkvideo zwischendurch.