Die Flöten pfeifen auf dem allerletzten Loch, die Trompeten klingen wie Autohupen in der Panikattacke, die Streicher fiedeln dünn wie Katzenhaar. Dazu singen Chöre in einer Besetzungsstärke, dass jede zweite Mozart-Oper mehr Solisten verlangt. Das Ganze heißt "Originale Aufführungspraxis", "Historische Aufführungspraxis" oder "Alte Musik", "Alt" mit großem Anfangsbuchstaben. Wo "Alte Musik" draufsteht, sind quäkenden Oboen drin. Wer nicht auf originalen oder nachgebauten historischen Instrumenten spielt, aber deren Unzulänglichkeiten marottenhalber mit neuen Instrumenten nachahmt, nennt sich "HIP". Nicht, weil er sich hip wähnt (das auch), sondern weil er "historically informed practice" abkürzt, um sich von HP ("historic practice") zu unterscheiden.

Die Inszenierung ist modern, aber das Orchester spielt "Alte Musik": Moshe Leiser inszenierte in Nantes Claudio Monteverdis "L’incoronazione di Poppea" als Regietheater, während Dirigent Gianluca Capuano für "Originalklang" sorgte. - © apa / afp / Loic Venance
Die Inszenierung ist modern, aber das Orchester spielt "Alte Musik": Moshe Leiser inszenierte in Nantes Claudio Monteverdis "L’incoronazione di Poppea" als Regietheater, während Dirigent Gianluca Capuano für "Originalklang" sorgte. - © apa / afp / Loic Venance

Prinzipiell wäre nichts gegen die "originale Aufführungspraxis" einzuwenden. Nur verdrängt die "Alte Musik"-Bewegung alles an Interpretationen von Musik vor dem 19. Jahrhundert, was nicht dem HP-Kult oder zumindest dem HIP-Glauben anhängt.

Vorweihnachtlicher Augenschein in drei Wiener CD-Fachgeschäften: Johann Sebastian Bachs "Weihnachtsoratorium" wäre als Geschenk für einen Klassik-Einsteiger gedacht, den Wuchtiges in großer Besetzung überzeugt hat, dass die Musik über George Michael und Madonna hinausreicht. Nur ein Laden offeriert wenigstens eine einzige, betagte Aufnahme von Bachs Kantatenzyklus, die nicht in die Kategorie "Alte Musik" fällt.

Es liegt nicht an den Läden, es liegt an den Labels. Wo nichts ist, kann man nichts verkaufen.

Cembalo ist Kult

Die Historische Aufführungspraxis hat die Musik von Claudio Monteverdi bis an die Wolfgang-Amadeus-Mozart-Grenze (und über sie hinaus) monopolartig okkupiert. Konnte man früher streiten, ob Otto Klemperers oder Herbert von Karajans Interpretation von Bachs "Matthäus-Passion" vorzuziehen sei, diskutiert man heute, ob Marc Minkowski oder Frans Brüggen es richtiger machen. Musik als Museumsobjekt: Nicht, was sie heute bedeutet, ist wichtig, sondern, wie sie vor ein paar hundert Jahren - vielleicht - geklungen hat.

Selbst Meilensteine der Musikgeschichte sind gefangenen in dieser Blase der geschichtlichen Korrektheit: Claudio Monteverdis "Marienvesper" etwa, seine Opern "L’Orfeo", "L’incoronazione di Poppea" und "Il ritorno d’Ulisse in patria" werden fast nur noch von Barockspezialisten aufgeführt. Wer keiner ist und sich den Werken, entgegen dem Zug der Zeit, aus heutiger Sicht nähert, wird von Kritikern zur Schlachtbank geführt, von denen manche einen C-Dur-Dreiklang nicht von einem Legato zu unterscheiden vermögen, aber glauben, die "Richtigkeit" eines Klangbildes beurteilen zu können.

Kultinstrument der Alten Musik ist ein möglichst brustschwaches Cembalo. Alles wird in seiner zirpenden Soße ertränkt. Mag es bei Bach und Händel damit seine Richtigkeit haben: Doch der Farbenmeister Jean-Philippe Rameau - hat er wirklich alles cembalisiert wie ein römischer Koch, der die raffiniertesten Geschmacksrichtungen zaubert, aber am Schluss, ganz egal, was es ist, Fischlake darüber gießt? Sogar in Joseph Haydns und Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonien lassen die Alte-Musik-Apostel das Cembalo mitklirren, ohne dass in den Partituren etwas davon stünde.

Auch eine bizarre Rekordjagd um die Aufführung der großen Werke in der kleinsten Besetzung findet statt: Monteverdis "Poppea" mit fünf Streichern und einem Cembalo im Orchester, Bachs Passionen und Händels "Messiah" mit 30 Mitwirkenden inklusive dem Chor - alles dagewesen. Und nicht wegen der Corona-Abstände, sondern aus Gründen "historischer Korrektheit".

Die Monstrosität unter diesen Mikroben dürfte eine Einspielung von Ludwig van Beethovens Klavierkonzerten mit solistischen Streichern sein. Denn selbst vor ihm, Beethoven, machen HPler und HIPler keinen Halt. Sie legen sogar Hand an Richard Wagner und Gustav Mahler. Einer von ihnen hat Maurice Ravels Instrumentierung von Modest Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" im "Originalklang" aufgenommen.

Gerade diese Einspielung freilich ist verräterisch für die ganze Bewegung. Denn Ravels Auftraggeber Serge Koussevitzky dirigierte die Uraufführung 1922 und nahm das Werk später auf. Würden die Originalklang-Thesen greifen, müsste die HP-Einspielung der "Bilder" nahezu identisch mit Koussevitzkys eigener Einspielung sein. Tatsächlich aber hat der dünne, unschöne HP-Klang nichts zu tun mit Koussevitzkys abgerundetem Klangluxus. Überträgt man den Unterschied auf die Musik des Barock, kämen Klemperer und Karajan mit ihren Bach-Interpretationen der Wahrheit näher als alle HP- und HIP-Apologeten zusammen.

Ein Kontinent für eine Sekte

Nun wäre es Unsinn, wollte man die Verdienste der "Alte Musik"-Bewegung übersehen. Sie hat das Repertoire glorreich erweitert: Die Opern von Monteverdi, Händel und Rameau haben sich als bühnentaugliche Meisterwerke erwiesen, Henry Purcell, Antonio Vivaldi und viele andere sind wieder da. Rund 300 Jahre hat die "Alte Musik"-Bewegung für Konzert und Oper hinzugewonnen. Es ist die Entdeckung eines Kontinents. Aber man darf ihn nicht nur der eigenen Sekte zur Bestellung vorbehalten.

"Aber es hat damals so geklungen", ist dabei ein schwaches Argument. Aus Aufzeichnungen von Hector Berlioz weiß man um die noch im 19. Jahrhundert grassierenden Unzulänglichkeiten von Instrumentengruppen und den Tricks, mit denen Musiker, Berlioz nennt wiederholt die Kontrabassisten, ihre Stimmen vereinfachten, etwa, indem sie nur die wichtigsten Töne spielten. "Es hat so geklungen", würde bedeuten, auch diese Mankos zu rekonstruieren.

Dass dann bei Opern auf der Bühne hemmungsloses Regietheater stattfindet, während im Orchestergraben die Rekonstruktion einer imaginären Aufführung des 17. oder 18. Jahrhunderts zirpt und keucht, ist an Absurdität unüberbietbar: Der heutige Klang wird einem fragwürdigen historisierenden Ideal geopfert, weil, so die "Alte Musik"-Religion, nur ein Rückgriff auf die Aufführungsbedingungen zur Entstehungszeit des Werkes akzeptabel sei, und gleichzeitig deutet der Regisseur griechische Götter und römische Kaiser in Nazis oder Banker um und behauptet, eine Vergegenwärtigung sei das Gebot der Stunde. Manch Rezensent lobt dann das Quäken der originalen Barock-Oboe nebst der kühnen szenischen Neudeutung, ohne sich bewusst zu machen, dass er einen unerklärbaren ästhetischen Spagat hinlegt, wenn er im einen Fall die historische Korrektheit vorzieht und im anderen deren Gegenteil.

Die Frage "Was wäre, wenn?" mag spekulativ sein, dennoch: Hätte ein begnadeter Musikdramatiker wie Monteverdi seine "Poppea" lieber monochrom mit fünf Streichern und Cembalo gehört oder im funkelnden Farbenglanz eines reichhaltig besetzten Orchesters? Würde Bach für seine Turbae der Passionen, die Massenszenen erschreckend realistisch abbilden, Chöre mit sechzehn Sängern vorziehen oder mit hundertsechzig?

Nicht, dass die Werke bei ihren seinerzeitigen Aufführungen so geklungen haben, wie es die Originale Aufführungspraxis behauptet, sei bezweifelt, sondern, dass die seinerzeitigen Aufführungen ein nachahmenswertes Ideal darstellen. Denn kein Komponist hat sich jemals in irgendeinem Dokument über zu große Besetzungen oder über zu schön, zu perfekt klingende Instrumente beklagt. Alle bevorzugten sie einen möglichst schönen Klang in möglichst großer Orchesterbesetzung. Und während heute manch einer stolz ist, Händels "Messiah" mit insgesamt 30 Sängern und Musikern zu spielen, ließ ihn der Händel-Vertraute Joah Bates 1784 von 250 Musikern allein im Orchester aufführen.

Daher: Wer Aufführungen alter Musik nur deshalb ablehnt, weil sie nicht dem Alte-Musik-Monotheismus mit seinen Geboten über Minimalbesetzung, originale Instrumente, vibratoloses Streicherspiel und dergleichen angehören, hat von Musik und ihrer überzeitlichen emotionalen Kraft rein gar nichts verstanden.