Die leeren Hotelflure, der Bub auf dem Tretauto, die knallroten Lettern "Redrum" an der Wand, der Irrsinn in den Augen von Jack Nicholson - und dazu diese Schauerklänge: Es liegt nicht zuletzt an Béla Bartóks "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta", dass Stanley Kubricks "Shining" (1980) bis heute Horrorwirkung entfaltet. Das Geklacker des Klangholzes, die grollenden Pauken-Glissandi, die fahlen Streicher-Flageoletts: Das alles umrahmt die Bilder aus dem Overlook-Hotel mit einer Gruselaura und mutet wie das Menetekel einer Bluttat an.

Bartók selbst konnte diese Nutzung weder gestatten noch verbieten: Als Kubricks Film erschien, war der gebürtige Ungar 35 Jahre tot. Der Streifen ließ ihn posthum jedenfalls in die Pop-Kultur einziehen und brachte ihm ein unfreiwilliges Renommee als Gruselkomponist.

Eine solche Festlegung täte Bartók natürlich unrecht: Er verdient sich seinen historischen Ehrenplatz wegen eines unverkennbaren Tonfalls, und er hat diese Signatur beileibe nicht nur in seinen Orchesterwerken bewiesen. Ein markantes Beispiel bilden nicht zuletzt die sechs Streichquartette. Von Gegnern als "Geräuschfantasie" (Julius Korngold) verunglimpft, leben auch sie von einer markanten Mischung: Bartók schreibt gern atonal - meidet aber die Harmonie nicht wie der Zwölftöner das Dur-Weihwasser. Er liebt die kontrapunktische Stimmführung - segelt aber nicht im Fahrwasser der Barockperücken. Er pfeffert schnelle Stellen mit schroffer Folklore - klingt in diesen Momenten aber oft nicht wie ein Musikpatriot, sondern wie ein Vorläufer des Bebop, also des abstrakten Jazz-Stils der 40er Jahren. Stimmt zwar: Das alles ist starker Tobak - aber ein riesiges Hörabenteuer.

Jerusalem Quartet Béla Bartók String Quartets
Jerusalem Quartet Béla Bartók String Quartets

Die versierten Streicher des Jerusalem Quartet haben sich nun den Quartetten eins, drei und fünf gewidmet und stellen trefflich unter Beweis, wie viel Atmosphäre Bartók auch im Kleinformat entfaltet. Dabei nehmen sich die vier Israelis für die Stücke gern mehr Zeit, als dies der Urheber in seinen peniblen Angaben vorsieht - was aber kein Fehler ist angesichts der Transparenz und Schlüssigkeit dieser Aufnahme und ihrer bisweilen seidigen Eleganz.

Roberto Alagna Le Chanteur
Roberto Alagna Le Chanteur

Und wer bis zum Finale von Nummer Fünf durchdringt, kommt in den Genuss einer unverhofften Pointe. Da lichtet sich das Stimmendickicht gegen Ende kurz für eine, tatsächlich: augenzwinkernd biedere Klassik-Paraphrase. Fast meint man, Bartóks Gelächter im Hintergrund zu hören.

Breitenwirksamer ist das neue Album von Roberto Alagna angelegt: Seit 30 Jahren auf führenden Bühnen tätig, widmet sich der Opernliebling Chansons seiner Heimat Frankreich und lässt dabei hie und da seine Familie (Gattin Aleksandra Kurzak sowie zwei Töchter) ans Mikrofon treten. Doch so sympathisch das Konzept und der jazzpoppige Sound geraten sind: Wenn ein Evergreen Inbrunst fordert ("Padam, padam"), schüttet Alagna entweder allzu üppig Vibrato aus oder nimmt sich um den Preis der Tenorblässe zurück. Bleiben als Labsal Balladen wie "Les feuilles mortes", "Nuages" und "J’attendrai": Perlen, die Alagna honigsüß säuselt und sich über Streamingdienste wie Spotify selektiv genießen lassen.