Die schlechte Nachricht: Die Wiener Philharmoniker werden ihren Stresemann am nächsten Sonntag wohl oder übel im Schrank hängen lassen. Der Termin mit Gustavo Dudamel, erneut vor leeren Reihen geplant, wäre lediglich von Ö1 übertragen und honoriert worden - was ein Minus ergeben hätte, das zur Absage bewog.

Die gute Nachricht: Das Orchester setzt seinen Bruckner-Aufnahmezyklus mit Christian Thielemann im menschenleeren Musikverein fort, denn an dieser Front herrscht monetärer Rückenwind. Bis 2024 sollen sämtliche Symphonien des Oberösterreichers sukzessive als Tonträger und Video erscheinen, und sie dürften sich angesichts Thielemanns Zugkraft wie warme Semmeln verkaufen. Schöner Nebeneffekt schon in diesen Tagen: Das Projekt beschert dem verwaisten Musikverein zumindest sporadisch einen Lebensfunken, und die Arbeit mit den (chronisch Corona-getesteten) Philharmonikern dürfte Balsam sein für Thielemanns Künstlerherz - nicht zuletzt wegen seines jüngsten Disputs in Dresden. Die Bestrebungen des Stars und der dortigen Staatskapelle, Strauss’ üppig besetztes "Heldenleben" aufzuführen, wurden von der Intendanz aus Corona-Gründen zu Fall gebracht, ein zünftiger Zank folgte.

In Wien durfte Thielemann nun am Sonntag rund 80 Orchestermusiker befehligen, und er hatte alle Zeit der Welt, diese Aufnahme penibel anzubahnen. Sechs Proben für eine Stunde Musik - das ist ein unerhörter Luxus, zumal für Bruckners rare Erste Symphonie.

Kecke Klänge

Dabei steht sie zu Unrecht im Schatten, wie die Wunderstunde im Musikverein die zugelassenen Kritiker lehrte. Die weiten Spannungsbögen, die drängenden Sequenz-Wellen, die übermäßigen Akkorde vor massiven Höhepunkten – alles schon da in dieser Ersten (in der Wiener Fassung), und dazu ein Faible für kecke Blecheinwürfe und frappante Kühnheiten im Harmonieverlauf.

Thielemann leistet hier ebenso Fulminantes wie schon in seiner Aufnahme der Achten: Er wahrt klangliche Rundung und Eleganz, ohne dabei ein einziges Volt im Spannungsfluss zu verlieren. Nächste Station: Bruckners Fünfte, die wohl ebenso via Radio und Streaming gesendet wird wie in Bälde die Erste.