Welch eine seltsame Erscheinung der Musikgeschichte! - Wahrscheinlich war eine Gestalt wie Charles Ives mit ihrer Verbindung von Mystik, Pioniergeist und Geschäftssinn wirklich nur im Osten der USA möglich. Ives, 1874 in Danbury, Connecticut, geboren und 1954 in New York gestorben, hatte alles etwas früher als die Europäer: Er überlagerte Tonarten, bündelte Märsche, Volkslieder und Kirchenhymnen zu Klangcollagen, verwendete Cluster und Vierteltöne, experimentierte mit Atonalität und Tonreihen, bevor Arnold Schönberg auf ähnliche Ideen kam. Doch ging Ives nicht methodisch vor: Er mischte alles durcheinander, oft auf engstem Raum. Trotz seiner profunden Ausbildung gebärdete er sich als Amateur, vielleicht, um den Anschein eines typisch amerikanischen Self-Made Man zu erwecken, der er auf einem anderen Gebiet tatsächlich war. Leisten konnte sich Ives nämlich seine extravaganten Kompositionen, weil er nicht von ihnen leben musste: Er arbeitete sich als Versicherungsagent an die Spitze der Branche und verdiente Millionen. 1927 hörte er mit den Worten "nichts mehr klingt richtig" von einem Tag auf den anderen zu komponieren auf. Im Alter erlebte er noch, wie die Dirigenten Leopold Stokowski, Eugene Ormandy und Leonard Bernstein seine bis dahin ungespielten Werke als tragende Säule einer genuin US-amerikanischen Musik aufrichteten.

Mittlerweile sind mehrere komplette Aufnahmen der Symphonien erhältlich. Die nun hinzugekommene wird mit ihrem kultisch verehrten Dirigenten diese Musik einem breiteren Zuhörerkreis erschließen. Der Nachteil: Gustavo Dudamel hat an einem wichtigen Element von Ives’ Werken kein Interesse, nämlich an der Mystik. Die vier Symphonien scheinen ihm einen Job zu bedeuten, nicht eine Überzeugungstat.

Charles Ives Vier Symphonien
Charles Ives Vier Symphonien

In der traditionellen Ersten mag das funktionieren, aber bei der Zweiten mit ihren Hymnen und Volksliedern und dem überraschenden atonalen Schlussakkord macht der Vergleich mit Bernsteins DG-Einspielung allzu sicher: Dudamel bietet eine hemdsärmelige Frische, die durchaus einnimmt. Anders als bei Bernsteins Interpretation bekommt man nie den Eindruck eines metaphysischen Zusammenhangs. Am ehesten überzeugt Dudamel bei der in Richtung Konventionalität schwächelnden Dritten. Hier hat diese geradlinige Frische etwas durchaus Bezwingendes.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Dem überwältigenden Kosmos der Vierten kommt man so freilich nicht bei. Sie ist eine Welt-Symphonie, kunstvoll geordnet und wild chaotisch, metaphysisch überhöht, zugleich weltliches Fest, klingende Naturphilosophie und pantheistische Beschwörung.

Dudamel lässt das hervorragende Los Angeles Philharmonic lustvoll in den Polyrhythmen und dissonanten Marsch-Collagen wühlen, bloß den höheren Sinn des Ganzen macht er nicht erfahrbar. Es mag Dudamels Konzept sein, die Unfassbarkeit der Musik von Ives zu klären, zu erklären, aber es ist hier wie bei allen Mysterien: Kaum geht man nur mit dem Verstand an sie heran, mindert man sie in ihrer Ausstrahlung. Dass sich Dudamel auf die vier nummerierten Symphonien beschränkt und die "Holidays Symphony" mit ihrer Gedankenwelt zwischen Bizarrerie und Transzendenz ausspart, passt ins Bild dieser Einspielung, die als Zweitaufnahme sehr willkommen ist. Wenn man sich zum ersten Mal mit Ives’ Symphonik auseinandersetzt, greift man freilich am besten zu den Interpretationen von Andrew Litton oder der (aufnahmetechnisch etwas schwächeren) Box von Michael Tilson Thomas.