Auch diesbezüglich ist Patrick Hahn zu beneiden. Während etliche Kollegen zu einer Corona-Pause vergattert sind, schwingt der Jungdirigent weiter den Taktstock. Gewiss: Den Wien-Termin mit dem Klangforum, dem Partner seiner jüngsten CD-Produktion, wird er sich im März Lockdown-bedingt in die Haare schmieren müssen. Unwägbar auch, ob das Rendezvous mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich im April hält und die Verabredung mit den Münchner Philharmonikern im Mai. Dafür hat der Steirer einige krisenfeste Projekte im Talon: Nachdem er jüngst ein Streaming-Konzert der Wiener Symphoniker geleitet hatte, steht ihm bis zum Sommer eine Reihe weiterer Online-Auftritte bevor, vor allem mit dem Borusan Orchestra in Istanbul. Und im Herbst übernimmt Hahn im deutschen Wuppertal das Amt des Generalmusikdirektors - im zarten Alter von 26.

Eigene Oper mit zwölf

Zugegeben, Wuppertal ist nicht Berlin oder Wien. Trotzdem erstaunlich: Wie erklimmt man in so jungen Jahren eine Chefstelle? Stammt Hahn aus einer Künstlerfamilie, die den Lernprozess beschleunigt hat? Mitnichten. Der freundliche Blondschopf ist das Kind eines Schlossers und einer Industriekauffrau, geboren im Dorf Höf-Präbach bei Graz. Sein Talent fiel dennoch nicht auf fruchtlosen Boden. Einerseits dank der Eltern, erzählt Hahn: "Es war bei uns üblich, dass man ein Instrument lernt. Bei mir war es in der Volksschule die Blockflöte, später durfte ich mir noch etwas aussuchen." Dass dies das Klavier werden sollte, hatte auch mit Zufall zu tun: "Bei uns im Haus lehnte in einer Ecke ein Keyboard, auf dem keiner gespielt hat."

Ebenfalls hilfreich beim Aufstieg: die "tollen Pädagogen" auf dem Bildungsweg. Das begann schon in der Volksschulzeit, als Hahn auch im Schulchor sang. Die hellhörige Leiterin vermittelte ihn an den Grazer Knabenchor, dieser wiederum legte ihm Klavierunterricht ans Herz - und voilà, saß er mit elf in einer Hochbegabtenklasse der Grazer Musikuni. Auch dort blieb ihm das Pädagogen-Glück in der Folge erhalten: "Meine Lehrerin hätte mich eigentlich irgendwann raushauen müssen, weil ich so wenig geübt habe. Ich konnte immer schnell Musik vom Blatt ‚fressen‘ und mich durchschummeln. Die feine Technik hat mich damals aber eher weniger interessiert. Doch meine Lehrerin hat erkannt, dass ich das Instrument für das Dirigieren oder Komponieren gebrauchen könnte, und mich darum nicht fallenlassen."

Zu dieser Einschätzung dürften auch Hahns Zusatz-Aktivitäten beigetragen haben. Angeregt von Mozarts "Zauberflöte", schrieb er schon als Zwölfjähriger eine groteske Kurz-Oper namens "Die Fritattensuppe" und hob sie mit Chorfreunden aus der Taufe. Beim Abschluss seines Dirigierstudiums sorgte der 21-Jährige abermals mit einer Eigenkreation für Aufsehen. "Oftmals reist für diese Prüfung ein ausländisches Orchester an, auf das dann eine Charge Dirigierstudenten gehetzt wird - das ist nicht optimal." Hahn stellte sich stattdessen sein eigenes Ensemble zusammen, aufbauend auf dem "betagten, aber höchst motivierten" Kirchenchor seines Heimatorts, mit dem er schon einige "verrückte Sache" ausprobiert hatte. Durch Bekannte auf insgesamt 150 Musiker erweitert, brachte dieser Klangkörper Hahns Oratorium "Sodom und Gomorra" zur Premiere - "das größte Stück, das ich bisher geschrieben habe".

Komponiert Hahn weiterhin? Und was ist mit dem Klavier, auf dem er als Austauschschüler in den USA Jazzpreise gewonnen hat und bis heute mit Leidenschaft Georg-Kreisler-Chansons gibt? "Mein Fokus liegt auf dem Dirigieren, der Rest ist eine Bereicherung nebenbei", sagt der Allrounder. Eine verständliche Entscheidung, denn die Taktstock-Karriere hat mittlerweile stark Fahrt aufgenommen. Diesen Drive verdankt sie nicht zuletzt Kirill Petrenko: Der Pultstar hatte Hahn als Assistenten an die Bayerische Staatsoper geholt und ihm dankbare Aufgaben übertragen. Nebst einer kleineren Festspiel-Premiere fielen dem Steirer Vorbereitungsproben für die Rollendebüts von Marlis Petersen und Jonas Kaufmann zu. Hahn: "Das war schon ein großer Vertrauensvorschuss, die beiden sind ja nicht die kleinsten Sängerkaliber." Und es sollte den Grundstein für eine weiterführende Partnerschaft legen: Im Vorjahr hat Petrenko Hahns helfende Dienste abermals in Anspruch genommen, diesmal für "Fidelio"-Proben am Festspielort Baden-Baden.

Die Jugend - kein Problem

Fragt sich trotzdem: Warum erlebt Hahn solche Erfolge in einem Alter, in dem andere noch an der Uni üben? Hahn weiß, die Frage könnte zur Arroganz anstacheln: "Es ist schwer, das zu beantworten. Einerseits: Man braucht am Anfang Glück, um an der richtigen Stelle die richtigen Menschen zu treffen. Andererseits: Ich war und bin mir weiterhin für nichts zu schade, ich habe alles gemacht, vom Kirchenchor übers Chanson bis zum Jazz und zum Komponieren. So lernt man vieles und viele Leute kennen." Zum Beispiel als Hahn einmal spätnachts bei einem Künstlerfest für eine Kreisler-Nummer ans Klavier gebeten wurde - und unter den Gästen der legendäre Künstleragent Jasper Parrott weilte. "Der hörte das, dachte sich, das ist etwas Besonderes, und bot mir tags darauf einen Vertrag an. Hätte ich das gewusst, wäre der Abend für mich nicht so entspannt verlaufen."

Apropos Entspanntheit: Beschert sein junges Gesicht Hahn bisweilen Durchsetzungsprobleme am Pult? Wird er mitunter spöttisch beäugt? Eigentlich nicht. "Je besser ein Orchester, je mehr es mit sich im Reinen ist, desto weniger ist es ein Thema. Die Musiker merken nach wenigen Minuten, ob der Dirigent etwas kann und ob er etwas zu sagen hat - ab dann ist es wurscht."