Zeitzeuge und Epochengestalter, Avantgardist und Bindeglied zum Schönberg-Kreis: Es gibt nicht viele Komponisten, die all dies von sich behaupten dürfen. Friedrich Cerha ist einer der wenigen. Am heutigen Mittwoch feiert der Nestor der österreichischen Neuen Musik seinen 95. Geburtstag.

Geboren am 17. Februar 1926 in Wien, begann er bereits im Alter von sechs Jahren, Geige zu spielen. Die ersten Kompositionen folgten nur zwei Jahre später, auf eigene Initiative erhielt er Unterricht in Harmonielehre und Kontrapunkt. 1943, vor Abschluss des Gymnasiums, wurde Cerha zur Wehrmacht eingezogen. Der erklärte Gegner des NS-Regimes desertierte und flüchtete auf eine Tiroler Almhütte.

Nach dem Krieg studierte er an der Wiener Hochschule für Musik und darstellende Kunst Komposition bei Alfred Uhl sowie Violine bei Vasa Prihoda und Musikerziehung. Der promovierte Germanist pflegte auch Kontakte zum legendären Art Club, den avantgardistische Maler und Literaten dominierten. Ab 1959 lehrte Cerha an der Wiener Musikhochschule, von 1976 bis 1988 auch als Professor für Komposition, Notation und Interpretation neuer Musik.

Kampf für neuen Töne im Nachkriegswien

1958 hoben Cerha und sein Kollege Kurt Schwertsik das Ensemble die reihe aus der Taufe: Das Kammerensemble stemmte sich gegen das konservative Klima der Nachkriegszeit und brachte die Musik des 20. Jahrhunderts zum Klingen. Der Klangkörper konfrontiert das Publikum nicht nur mit zeitgenössischen Wagnissen, sondern rückt auch die berüchtigte, in der NS-Zeit verfemte zweite Wiener Schule – also die Tonkunst von Alban Berg, Anton Webern und Arnold Schönberg – wieder ins Bewusstsein.

Cerhas Auseinandersetzung mit diesem Kreis gipfelte in seiner Beschäftigung mit Bergs Fragment "Lulu": Er instrumentierte den dritten Akt der Zwölfton-Oper und ergänzte einige wenige Fehlstellen. Das ging nicht ohne Konflikte ab, denn der Verlag, die Wiener Universal Edition, hatte sich, indem sie Cerha den Auftrag für die Arbeit erteilte, über das Testament von Bergs Witwe hinweggesetzt, demzufolge die Oper in dem von Berg hinterlassenen Zustand bleiben müsse, zumal sich die zweiaktige Version als durchaus bühnentauglich erwiesen hatte. Pierre Boulez brachte die Gesamtfassung in der Inszenierung von Patrice Chéreau 1979 in Paris zur Uraufführung und wies nach, wie wichtig der ergänzte dritte Akt für die Gesamtwirkung ist. Zahlreiche "Lulu"-Produktionen folgen heute der dreiaktigen Cerha-Version.

Die Bühnenpranke schlägt zu

Bis zur ersten eigenen Oper sollten noch einige Jahre vergehen: "Baal", basierend auf einem Drama von Bertolt Brecht, brachte Cerha den endgültigen Durchbruch und wurde 1981 bei den Salzburger Festspielen aus der Taufe gehoben. Allerdings war in dem Werk ein überraschender stilistischer Wandel zu verzeichnen. Cerha hatte in den 1960er Jahren mit dem abendfüllenden Orchesterwerke-Zyklus "Spiegel" Musikgeschichte geschrieben, indem er flirrende, farbige Klangflächen an die Stelle von herkömmlicher Thematik und Melodik gesetzt hatte. Noch das Musiktheaterwerk "Netzwerk" (1981) hatte in weiten Teilen mit Klangflächen gearbeitet, wenngleich sich diese jetzt zunehmend aus Kurzthemen zusammensetzten. Mit einer Oper, in der richtig gesungen wird, in der es weitbogige Melodien in einer Nachfolge von Alban Berg gibt, und in der sich sogar ein Reggae einschleicht, hatte niemand gerechnet. "Baal" gab zwar nicht den Tonalitätsgelüsten der Postmoderne nach, war aber ein Bekenntnis zu den traditionellen Elementen der Oper - und dadurch ein Erfolg. Ausgerechnet Cerha, der sich so lange der Oper verweigert hatte, erwies sich als Komponist mit einer Bühnenpranke.

Der noch stärker in der Tradition verhaftete "Rattenfänger"(1987) nach Carl Zuckmayer konnte den Erfolg des "Baal" nicht wiederholen. Zu sehr war da der Versuch spürbar, sich einerseits den Opernkonventionen samt schöner Melodie hinzugeben, sich ihnen andererseits aber auch zu verweigern.

Ein Opus summum und eine Komödie

Mittlerweile steht Cerha nicht mehr am Dirigentenpult, von vereinzelten Auftritten wie 2007 im Rahmen der Wiener Festwochen mit dem Klangforum oder anlässlich des Festkonzertes zu 50 Jahre die reihe abgesehen. Das Dirigieren hat er zugunsten seines kompositorischen Schaffens zurückgestellt. Und die Ergebnisse sind umfangreich: 2002 wurde die in Zusammenarbeit mit Peter Turrini entstandene Oper "Der Riese vom Steinfeld" an der Wiener Staatsoper uraufgeführt, 2004 folgte mit Cerhas Requiem sein "Opus summum". Beim steirischen herbst gab es 2007 die Uraufführung des Konzerts für Bariton und Orchester, "Aderngeflecht", dessen Text auf Gedichten von Emil Breisach basiert, im selben Jahr erklang "Les Adieux" erstmals bei der Biennale in Venedig. 2010 kam "Like a Tragicomedy" in Manchester zur Aufführung.

2013 stand mit "Onkel Präsident" nach Franz Molnar die Uraufführung einer Komischen Oper im Münchner Prinzregententheater auf dem Spielplan. Cerha hatte bereits in den  "Keintaten" (ab 1983) mit einer musikalischen Komik gespielt, die einerseits nach Verständlichkeit strebt, andererseits aber auch den Verrat an der Neuen Musik durch konventionelle Buffo-Gesten vermeidet. "Onkel Präsident" scheint ein gewichtiger Schritt in die gleiche Richtung. Die Farce verweigert nicht die Innenschau, die Komik bleibt seriös.

Im Jahr der Uraufführung von "Onkel Präsident" erklang obendrein bei den Salzburger Festspielen erstmals "Etoile für 6 Schlagzeuger", 2016 folgte "Eine blassblaue Vision".

Ehrungen en masse

Beinahe so zahlreich wie seine Werke sind mittlerweile auch Cerhas Auszeichnungen: Für seine kompositorische Arbeit erhielt er unter anderem den Preis der Stadt Wien (1974) und den Großen Österreichischen Staatspreis (1986). Das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst folgte 2005, im Jahr darauf wurde Cerha bei der Musik-Biennale in Venedig mit dem erstmals vergebenen Goldenen Löwen für ein Lebenswerk geehrt. 2008 wurde ihm das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien zugesprochen, 2011 der Musikpreis Salzburg und 2012 mit dem Ernst-von-Siemens-Musikpreis die wohl renommierteste Auszeichnung ihrer Art, die mit 200.000 Euro dotiert ist. (irr/eb/apa)