Sollte es so etwas wie einen Super-GAU für Komponisten geben, hat ihn Sergei Rachmaninow 1897 erlebt. Der russische Jungspund hatte die Uraufführung seiner Ersten Symphonie in die Dirigenten-Hände von Alexander Glasunow gelegt - doch der erfahrene Kollege ließ das Konzert zur Kakophonie geraten, angeblich wegen allzu heftigen Alkoholgenusses. Das hämische Urteil der Presse: Sollte man in der Hölle nach einem Musiker suchen, um die biblischen Plagen zu vertonen, Rachmaninow wäre der rechte Mann.

Dem ging das Fiasko freilich unter die Haut - so sehr, dass er die Partitur zurückzog und jede weitere Aufführung untersagte. Die Nachwelt rekonstruierte die Partitur jedoch aus den erhaltenen Einzelstimmen und brachte das Werk 1945, zwei Jahre nach dem Tod des Tonsetzers, abermals zur Aufführung - nun mit Erfolg.

Rachmaninoff Symphony No. 1 The Philhadelphia Orchestra (DG)
Rachmaninoff Symphony No. 1 The Philhadelphia Orchestra (DG)

Rachmaninow, 1873 bis 1943, ist bis heute ein Spaltpilz unter Klassik-Fans, gilt den einen als Salonkitschier, den anderen als Vollblut-Genie. Schade, dass die Kunstwelt noch immer an solchen Schwarzweiß-Schablonen klebt. Gerade Rachmaninow ließe sich mit einigem Recht in einem Graubereich verorten - als Schreiber mit kreativer Schwankungsbreite zwischen mediokren und meisterlichen Momenten.

Ensemble Modern Beschenkt (Ensemble Modern Medien)
Ensemble Modern Beschenkt (Ensemble Modern Medien)

Das Philadelphia Orchestra hat in den Vorjahren einige Erfahrung mit ihm gesammelt: Gemeinsam mit Spitzenpianist Daniil Trifonow hat es die populären Klavierkonzerte eingespielt, nun nimmt sich das Ensemble mit Chefdirigent Yannick Nézet-Séguin die besagte d-Moll-Symphonie vor - vielleicht kein Meilenstein des Genres, aber ein achtbares Debüt für einen Nachwuchs-Symphoniker: Auf dem Erbe Tschaikowskis errichtet Rachmaninow 50 kurzweilige Minuten zwischen satter Romantik, pastellfarbener Lyrik und rasanter Rhythmen, wobei das Geschehen in einer seltsamen, heroischen Tragik erstirbt.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Dass Nézet-Séguin am Pult einen gemäßigten Tonfall anschlägt und Sinn für Transparenz beweist, hält die Aufnahme frei von breiigem Pathos. Das gilt auch für die angeschlossenen "Symphonischen Tänze": Weniger Tanz als verkappte Symphonie, ist dies die letzte Großpartitur des Russen, den die Revolutionswirren in die USA verschlagen hatten - Musik, gespickt von wehmütigen Rückblicken auf die Heimat.

Unverhofft kurzweilig fällt das aktuelle Album des Ensembles Modern aus: kaum ein Stück jenseits der Vier-Minuten-Grenze. Ist der Avantgarde-Klangkörper in die Popwelt übersiedelt? Mitnichten, er hat ein rundes Jubiläum gefeiert und dies nicht etwa mit 40 Geburtstagskerzen begangen, sondern sich von zeitgenössischen Komponisten ebensoviele Miniaturen schenken lassen, namentlich von Größen wie Brian Ferneyhough und Peter Eötvös, Georg Friedrich Haas und Olga Neuwirth und nicht zuletzt dem im Vorjahr verstorbenen Weltstar Ennio Morricone. Zugegeben: Die Tendenz zeitgenössischer Kunstmusik zu einer düsteren Grimmigkeit lässt manche Miniatur weniger wie eine Gratulation anmuten denn wie eine Verwünschung. Insgesamt erweist sich diese Doppel-CD aber als erfreulich buntes Stil-Panoptikum, das auch Dissonanzen in Partylaune beschert - wie Johannes Kalitzkes quietschvergnügtes "Smile!".