Gibt es etwas Bizarreres als einen Komponisten, der ausgerechnet mit einem Werk berühmt wird, das er nicht geschrieben hat?

Das trug sich so zu: Der Engländer Malcolm Arnold (1921-2006) komponierte die Musik zum Film "The Bridge on the River Kwai" - da ist der gewisse Marsch drin, den sogar Leute pfeifen, die nicht wissen, dass das, was sie gerade pfeifen, aus dem Film "The Bridge on the River Kwai"stammt. Auch die Musik zu einer "Underberg"-Werbung war der Marsch einmal. Doch obwohl die Filmmusik von Malcolm Arnold stammt, ist just dieser Marsch nicht von ihm, sondern von Kenneth Alford. Die feine Nuance, die in Wahrheit ein Vorschlaghammer ist, haben freilich so wenige mitbekommen, dass Malcolm Arnold weltweit als der Komponist eines Hits gilt - der nur leider nicht von ihm ist.

Malcolm Arnold The Dancing Master (resonus)
Malcolm Arnold The Dancing Master (resonus)

Er könnte aber von ihm sein. Was die Absurdität weiter steigert. Denn Arnold war einer der besten Melodiker zumindest des 20. Jahrhunderts. In seinen Tänzen von diversen Regionen der Britischen Inseln etwa schreibt er Melodien, die man als Volkslieder zu kennen glaubt, die aber von ihm sind. Gerade solch eine trotzig elegante Marschmelodie wäre ihm zuzutrauen. Witzig, frech, pikant - so lässt sich Arnolds Musik charakterisieren. Seine neun Sinfonien freilich sind andere Kaliber: Sie stehen in der Gustav-Mahler-Nachfolge, sind groß, oft herb, voller Melancholie und bitterer Groteske.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Arnold war, es sei ohne Zögern gesagt, ein Vielschreiber: Angesichts von mehr als 140 Opusnummern und zusätzlich mehr als 20 Filmmusiken fragt man sich, wo er die Zeit hernahm für einen dermaßen exzessiven Lebensstil mit Alkohol und Frauengeschichten, dass er einen geistigen Zusammenbruch erlitt und zeitweise in ein Sanatorium musste.

Lediglich eine Werkgattung scheint in Arnolds Schaffen zu fehlen: die Oper. Es wäre nicht verwunderlich, denn sein Interesse an Vokalmusik scheint eng begrenzt gewesen zu sein.

Und doch: Es gibt sie, die Oper von Malcolm Arnold. Sie heißt "The Dancing Master" - und ist ein Meisterwerk. Arnold schrieb den 75-Minuten-Einakter 1952 auf Auftrag der BBC fürs Fernsehen - aber aus der Ausstrahlung wurde nichts: Der Sender befand den erotisch aufgeladenen Inhalt mit seinen absichtlichen Klischees von der reichen Erbin, der intriganten Magd und dem Wüstling samt den überreichlichen Doppeldeutigkeiten im Text als zu schlüpfrig. Auch andere Sender winkten ab. 1962 betreute der Komponist eine Aufführung im privaten Kreis am Klavier, erst 2012 erfolgte die Uraufführung in Northampton. Damit war dem erfolgsverwöhnten Arnold die Lust auf Oper ausgetrieben - wie bedauerlich, denn er hätte einen brillanten Opernkomponisten abgegeben. Das Werk nämlich ist eine Entdeckung ersten Ranges. Es klingt wie Benjamin Britten auf Speed, grell, frisch, einfallsreich. Es braucht flinke Ohren beim Zuhörer, dass er alles so schnell aufnehmen kann, wie es der Komponist serviert. Das Werk prickelt wie eine Konversation unter Großmeistern der Schlagfertigkeit.

Mit der fulminanten Einspielung macht die BBC einiges gut, was sie angerichtet hat. Die Ensembleleistung ist perfekt, und das BBC Concert Orchestra unter der Leitung von John Andrews triumphiert bei diesem sehr individuellen Klang, in dem die Bläser vorlaut den Ton angeben und die Streicher für die nicht immer nur augenzwinkernden Romantizismen sorgen. Unbedingt anhören!