Ob der Moment auf dem Video erhalten bleiben wird, ob er dem Schnitt zum Opfer fällt? Punkt zwölf war’s am Sonntag, als die Wiener Philharmoniker den Schlusssatz von Bruckners Fünfter Symphonie erreicht hatten. Doch da meldete sich das Kirchengeläut vom nahen Karlsplatz und flutete den Goldenen Musikvereinssaal. Also ließ Christian Thielemann das Orchester für eine gefühlte Minute innehalten.

Eine Atempause von dramatischer Wirkung, gerade in diesem Zusammenhang. Kaum eine Symphonie des erzkatholischen Bruckners (einmal abgesehen von seiner Achten) wird so gern mit einer Kathedrale verglichen, kaum eine besitzt ein monumentaleres Finale: Der orchestrale Schlusschor, Endpunkt einer gewaltigen Doppelfuge, vermittelt im Idealfall die Schönheitswucht einer Epiphanie.

Nikolaus Harnoncourt ist dies mit den Wiener Philharmonikern gelungen, Christian Thielemann nun ebenso bei der Fortsetzung seines Aufnahmeprojekts vor einer Handvoll zugelassener Musikkritiker. Nach einem wackeligen Start knüpft das Bruckner-Dreamteam abermals an seine Glanzleistungen an: Thielemann vereint Klangpracht ohne Einbußen mit Struktursinn, modelliert Melodiebögen detailreich, ohne die Spannung abreißen zu lassen, und lässt die wenigen Saalgäste nach einem rasenden und dennoch majestätischen Finale wie glücksversteinert zurück. Zum Nachsehen und Nachhören (am 18. April, 9.05 Uhr auf ORF2) dringend empfohlen.