Trifft der Whisky den Kilt, ist der Dudelsack nicht weit. Aber wenn man heute den Tag des Dudelsacks begeht, dieser Sackpfeife, die so klingt, wie Haggis schmeckt, dann möge man, gerade in Wien, bedenken: Sie könnte auch zum Schnitzel einen Walzer tanzen. Denn der Dudelsack g’hört uns auch, und auch wir sollten den heutigen Tag des Dudelsacks richtig feiern bei Schnitzel und Bier, wir Nachfahren des lieben Augustin und seiner Pestgruben-Nacht.

Wie hat er auf sich aufmerksam gemacht? - Auf dem Dudelsack hat er sein Gstanzl geblasen, das auch gemütsmäßig der erste echte Wiener Walzer ist: "Alles ist hin." Falls man ihn aus der Grube geholt hat, allein, um dieses näselnd kratzige Keuchen zu beenden - man müsste dafür Verständnis aufbringen.

Dass kein Wiener Komponist jemals ein Dudelsack-Konzert "Der liebe Augustin" geschrieben hat, spricht Bände. Der Tscheche Jaromír Weinberger hingegen hat der nationalen Märchengestalt "Schwande der Dudelsackpfeifer" ein Opern-Denkmal gesetzt. Und der gebürtige Engländer und naturalisierte Schotte Peter Maxwell Davies hat ihn gar in "An Orkney Wedding with Sunrise" zum Klangsymbol für die aufgehende Sonne erkoren. Darauf einen Highland Park - und bitte nicht nur "a wee drop" davon.

Was hat sich nur der Erfinder dieses Instruments gedacht?

Eigentlich etwas ganz Simples: Erstens: Wie macht man es, dass ein Bläser nicht atmen muss? Und zweitens: Eine Stimme allein ist langweilig - kann man da nicht einen liegenden Ton dazugeben?

Schon war die Sackpfeife geboren: Der Musiker bläst nicht direkt in die "Pfeife", sondern er bläst den Sack quasi als Luftreservoir auf, und von dort geht die Luft in die "Pfeife". Das ermöglicht den Dauerton. Übrigens: Didgeridoo-Spieler und viele Oboisten schaffen etwas Ähnliches mit der Zirkularatmung, als Sack dienen die eigenen Backen. Beim Dudelsack klingen noch die Bordunpfeifen mit - und fertig ist das Instrument, das wie kein anderes Kult ist.

Die Erweiterungen

Auf Ideen kommen die Instrumentenbauer . . . Manche sind geradezu Jules Vernes ihrer Disziplin. Wobei man unterscheiden muss, ob sie nur bestehende Instrumente erweitern oder gleich neue Instrumente erfinden. Viele der Erweiterungen nimmt man heute als gängig wahr: Flötisten übernehmen Alt- und Piccoloflöte, Oboisten das Englischhorn und in Richard Strauss’ "Elektra" auch das Heckelphon, Fagottisten das Kontrafagott. Richard Wagner ließ Horn und Tuba zur erhaben weich klingenden Wagner-Tuba verschmelzen. Alles Standard.

Aber der Oktobass ist ein anderes Kaliber. Der französische Geigenbauer Jean-Baptiste Vuillaume schuf ihn 1850 in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Hector Berlioz, um noch tiefere Töne erzeugen zu können als der Kontrabass. Es gelang: Die tiefsten Töne des Oktobasses sind für das menschliche Ohr nicht mehr hörbar, wohl aber kann man die Schwingungen physisch wahrnehmen. Auch Richard Wagner machte sich für das Instrument stark - aber sowohl er wie Berlioz hatten eine gute Nase, was die reale Verwendbarkeit des dreieinhalb Meter hohen 100-Kilo-Monstrums betrifft, und komponierten nichts, was seiner Mitwirkung bedarf. Nur drei Instrumente wurden ursprünglich gebaut. Als einziges Orchester besitzt heute das Symphonieorchester von Montréal einen Oktobass. Er kommt bei groß besetzten Orchesterwerken zur fülligen Verstärkung der Kontrabässe zum Einsatz. Während der Oktobass im Grund ein in die Tiefe erweiterter Kontrabass ist, hat die Fantasie der Instrumentenbauer in anderen Fällen Purzelbäume geschlagen. Sage niemand, dass bei einem Purzelbaum nicht auch etwas Graziöses herauskommen kann.

Die Erfindungen

Einer dieser Purzelbäume wird heute nicht mehr als solcher wahrgenommen. Aber als der Belgier Adolphe Sax in den 1840er Jahren sein Saxophon vorstellte, konnte man sich nicht recht erklären, wozu dieses Ding gut sein soll, das auf seine quäkende Weise weder recht Klarinette, noch recht Oboe und auch nicht wirklich Horn sein will, aber von allem etwas. Heute ist das Saxophon in den Jazz voll und in die Klassik teilweise integriert.

Noch solch einen seltenen Fall einer instrumentalen Erfindung gibt es, die sich durchgesetzt hat, und diesmal ist es sogar ein elektronisches Instrument: die Ondes Martenot. "Ondes" bedeutet Wellen, Martenot ist der Name des Erfinders. 1923 fand ein offenbar sehr inspirierendes Treffen Maurice Martenots mit Lev Sergejewitsch Termen statt. Jedenfalls sind dessen Theremin und das Martenotwellen-Klavier enge Verwandte. Und wenn das ohne Berührung nur durch die Haltung der Hände gespielte Theremin kein Instrument von Jules-Verne-Natur ist, was dann . . . ?

Die Ondes Martenot hatten zumindest in der klassischen Musik bessere Chancen: Nachdem vor allem französische Komponisten wie Edgard Varèse, Charles Koechlin, Olivier Messiaen und André Jolivet für die Ondes eingesetzt hatten, kamen auch Filmkomponisten auf den Geschmack und ließen das Instrument hier einsam, dort unheimlich jaulen. Schließlich führten Jacques Brel, Jonny Greenwood mit der britischen Band Radiohead und Bryan Ferry mit Roxy Music die Ondes Martenot auch in Rock und Pop ein.

Aber das ist ja sozusagen noch ein richtiges Instrument, diese Ondes Martenot. Julesvernesquer wird es mit der Great Stacpipe Organ - das könnte eine Idee von Kapitän Nemo oder eher noch Robur sein, stammt aber von Leland W. Sprinkle. Er baute in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre die Stalaktiten der Luray Caverns in Virginia zum gigantischen Steinspiel um, das er von einem Orgeltisch aus spielt. Der Mensch musiziert da immerhin noch selbst mit den Gegebenheiten der Natur.

Beim Singing Ringing Tree, den die Architekten Mike Tonkin und Anna Liu in die Landschaft von Lancashire pflanzten, spielt der Musiker keine Rolle mehr. Das "singende klingende Bäumchen" ist, genau genommen, kein Musikinstrument, sondern ein Kunstwerk, ein Verwandter der gleichfalls windgespielten Äolsharfe, der hiermit ebenfalls gedacht sei. Der Wind bläst in die abgestimmten Röhren, die Musik ergibt sich von selbst. Die Sea Organ der kroatischen Küstenstadt Zadar folgt dem gleichen Prinzip, nur überträgt sie es auf das Wasser: Sie wird von der Adria selbst gespielt.

Feuer, Wasser und ein Gott

Apropos Wasser - hier spielt der Mensch wieder eine Rolle: Der kanadische Informatiker Steve Mann ersetzte beim Hydraulophon die tonerzeugende Luft eines Blasinstruments durch Wasser. (Hat er dabei an die alt-römische Wasserorgel gedacht?)

Was Wasser kann, kann Feuer seit 1875: In diesem Jahr konstruierte der französische Physiker Georges Frédéric Eugène Kastner das Pyrophon, bei dem Flammen Glasröhren in Schwingung versetzten. Musiker konnten sich für das Instrument freilich nicht erwärmen. Da führte manch hitzige Interpretation zu ganz realen Brandblasen, und die gehören nun halt nicht zum Risikoprofil des Musikers.

Der Österreicher Albin Paulus wiederum hat sich als Virtuose der Maultrommel hervorgetan, die ja auch nicht gerade mit der Häufigkeit einer Geige oder Gitarre vorkommt, zumindest nicht als dermaßen brillant gespieltes Konzertinstrument. Aber Paulus ist nicht nur ausübender sondern auch sozusagen konstruierender Musiker. Er hat urzeitliche und antike Instrumente nachgebaut, von der Knochenflöte bis zur awarischen Doppelklarinette. Und überhaupt gilt: Man gebe ihm was auch immer - er macht daraus ein funktionierendes Musikinstrument.

Der eigenbrötelnde US-Komponist Harry Partch hätte in ihm wohl einen idealen Mitstreiter gefunden: Partch ließ sich ein eigenes hochkomplexes Instrumentarium auf der Basis von Zupf- und Schlaginstrumenten bauen, um seine Klangvisionen zu verwirklichen. Der Nachteil an der Sache: Viele der Instrumente sind aus Glas gefertigt und so zerbrechlich, dass sie nicht transportabel sind. Partchs Musik, die an fernöstliche Gamelans erinnert, existiert mithin fast nur in Form von Einspielungen auf Tonträgern, die vor Ort vorgenommen wurden.

Dagegen nimmt sich die Pikasso Guitar (tatsächlich: Pikasso mit "k"), die sich der Jazzer Pat Metheny von der amerikanischen Gitarrenbauerin Linda Manzer anfertigen ließ, geradezu normal aus, auch wenn sie wirklich aussieht, als habe Picasso in seiner kubistischen Periode eine Gitarre gemalt.

Und zum Schluss steigt gar der oberste der Götter herab, um Musik zu machen, obwohl ihm das sagenhalber noch keiner angedichtet hat: Beim Zeusaphon machen die Amerikaner Joe DiPrima und Oliver Greaves mittels digitaler Modulation die Wechselspannung von Tesla-Spulen für das menschliche Ohr hörbar. Blitze inklusive.

Da möchte man vor Ehrfurcht schon erzittern - grad so, wie wenn eine Highlander-Formation ihre Dudelsäcke spielt. Und der liebe Augustin lässt sich’s dieweilen gut gehen bei Schnitzel und Bier.

Und wenn er dann zu blasen beginnt, ist alles hin - und gleichzeitig alles gut.