James Levine, der langjährige Musikdirektor der Metropolitan Opera in New York, ist tot. Der Star-Dirigent verstarb bereits am 9. März in Palm Springs, berichtete die "New York Times" am Mittwoch. Levine, 77, hat das Haus im Big Apple über vier Jahrzehnte lang geprägt.

Levine ist in der letzten Zeit im Zuge der MeToo-Bewegung ins Gerede gekommen. Auch in einem Nachruf, der nach der Regel stattfindet "de mortuis nihil nisi bene", muss das erwähnt sein, nicht zuletzt, weil dieser Umstand das Karriereende für den Dirigenten bedeutet hatte, der trotz einer Tremor- und vermutlich auch Parkinson-Erkrankung weitergearbeitet und vom Rollstuhl aus dirigiert hatte.

Levine wurde am 23. Juni 1943 in Cincinnati (Ohio) in eine musikliebende reformiert-jüdische Familie geboren. Er galt als Klavierwunderkind. Seinen ersten öffentlichen Auftritt als Pianist hatte er mit zehn Jahren. Eine Verbindung nach Österreich ergibt sich auf dieser Ebene: Er war unter anderem Klavierschüler des österreichischen Komponisten und Pianisten Jenö Takács.

James Levine und das Boston Symphony Orchestra proben im September 2007  "La damnation de Faust" von Hector Berlioz im Salle Pleyel in Paris. Auch dieses Orchester distanzierte sich nach den Missbrauchsvorwürfen von dem Maestro. - © APA / AFP / Miguel Medina
James Levine und das Boston Symphony Orchestra proben im September 2007  "La damnation de Faust" von Hector Berlioz im Salle Pleyel in Paris. Auch dieses Orchester distanzierte sich nach den Missbrauchsvorwürfen von dem Maestro. - © APA / AFP / Miguel Medina

Oper und Konzert

Als Dirigent war er Schüler von Fausto Cleva, doch zur prägenden Gestalt wurde für ihn George Szell, der legendäre Chefdirigent des Cleveland Orchestra, der auch Levines Anfänge als Dirigent massiv unterstützte, indem er ihn immer wieder einlud, das Cleveland Orchestra zu dirigieren. Nach Szells Tod 1970 wechselte Levine als Nachfolger von Rudolf Bing an die New Yorker Met. 1999 übernahm er als Nachfolger Sergiu Celibidaches die Münchner Philharmoniker.

Während die meisten internationalen Stardirigenten ihre Karriere vor allem auf Konzerte stützen, war Levine einer der wenigen, der seine Tätigkeit zwischen Oper und Konzert aufteilte. Tatsächlich war Levine ein begnadeter Opernkapellmeister: Seine Verdi-Interpretationen waren von einer einzigartigen Vitalität. Von Szell hatte Levine den Umgang mit dem Rhythmus gelernt: Präzision als Basis einer musikalischen Entwicklung, nicht als Selbstzweck. Die Genauigkeit erfüllte Levine mit einer Spannung und einem Atem, wie es nur wenigen Dirigenten gegeben ist.

Levine wusste auch, was er unter welchen Umständen einem Werk zumuten konnte: So wählte er in Bayreuth für Richard Wagners "Parsifal" extrem langsame, zum Zerreißen gespannte Tempi. Er war sich aber bewusst, dass diese Tempodramaturgie nur unter Bayreuther Umständen funktionieren konnte, wo das gesamte Publikum bereit ist, sich einen ganzen Tag lang auf das Erlebnis der Oper zu konzentrieren. Dirigierte er Wagners Werke an anderen Häusern, waren seine Tempi von kapellmeisterlicher Vernunft  getragen. Eher merkte man an Ausformungen von Details, an den Spannungsbögen und den beharrlich aufgebauten Höhepunkten die Hand des außerordentlichen Dirigenten.

Engagement für Neue Musik

Im Konzert war Levine ein berufener Interpret der Werke Gustav Mahlers, allerdings spielte er nie dessen Zweite und Achte Symphonie auf Tonträgern ein. Im klassischen Repertoire war Levine ein phänomenaler Interpret der Werke Mozarts. Darüber hinaus engagierte er sich zeitlebens in Oper wie Konzert für die Neue Musik. Zu seinen bemerkenswerten Leistungen gehört, dass er Opern Benjamin Brittens an die Met brachte, nachdem Bing zuvor einen Britten-Bann verhängt hatte. Außerdem brachte Levine John Coriglianos "The Ghosts of Versailles" zur umjubelten Uraufführung.

Wenn sich irgendwann die Aufregung um mögliche sexuelle Übergriffe gelegt haben wird, wird von James Levine eines bleiben: Er war einer der bedeutendsten Dirigenten seiner Zeit.