Warum mit einem großen Betätigungsfeld zufrieden sein, wenn man ein noch größeres haben könnte? Spätestens seit dem 19. Jahrhundert schielen die Pianisten über den Tellerrand ihres Repertoires hinaus, um sich auch klavierfremde Noten unter den Solistennagel zu reißen. Vermögen begnadete Tasten-Zampanos nicht, selbst wuchtige Orchesterwerke am Klavier zu erwecken? Franz Liszt hat es mit seinen Transkriptionen jedenfalls tastendonnernd versucht.

Diese Lust an der Aneignung dauert bis heute an, dient mittlerweile aber weniger der Selbstinszenierung als der Frage, was abgespielten Meisterwerken noch an unerhörten Facetten abzugewinnen ist. Beispiel: Hector Berlioz’ "Symphonie fantastique". 2019 ist sie in einem Arrangement für zwei Pianisten bei Harmonia Mundi erschienen und hörte sich, zugegeben, streckenweise recht karg und blass an. Andererseits: Berlioz‘ greller Klangfarben entkleidet, ließ der Notensatz mit einem Mal so ganz hören, wie tolldreist der Tonsetzer mit Orchesterharmonien hantierte.

Notos Quartett The Schönberg Effect
Notos Quartett The Schönberg Effect

Einen ähnlich analytischen Blick wagt nun das Notos Quartett und hat sich die Dritte Symphonie von Johannes Brahms für den Eigenbedarf zurechtschneidern lassen. Vorteil hier: Das deutsche Ensemble ist als Klavierquartett tätig, verfügt also über Geige, Bratsche, Cello und Flügel und damit deutlich mehr Ressourcen für den orchestralen Satz. Außerdem vermittelt das Arrangement von Andreas N. Tarkmann einen erfreulich selbstverständlichen, ungekünstelten Eindruck: Wer die Dritte Symphonie des vollbärtigen Deutschen bisher nicht auf dem Radar hatte, der meint hier ein geschliffenes Kammermusik-Juwel zu entdecken.

Franz Schubert Die schöne
Franz Schubert Die schöne

Altgediente Brahmsianer könnten freilich schon aufjaulen. Erstens fehlt dem Quartett natürlich die Süffigkeit des Orchesters, zweitens dessen schillerndes Farbenspiel - jener Cinemascope-Sound, neben dem die schlanke Neubearbeitung doch eher an Schwarzweiß-Kino erinnert.

Nichtsdestotrotz trumpft das Notos Quartett mit einer weiten dynamischen und expressiven Bandbreite auf und gestaltet die halbe Stunde mit zupackender Dringlichkeit, glühender Leidenschaft und vor allem: berückender Intimität. Allein, wie sich das zarte Streichergespinst gegen Ende in Luft auflöst, ist die Mühwaltung dieses Experiments wert. Beglückend, dass das Album (mit dem etwas irreführenden Schönberg-Titel) zudem eine intensitätstrunkene Aufnahme von Brahms’ Erstem Klavierquartett aufbietet, in der die dunkle Glut dieser Musik gebührend lodert.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Die Dinge laufen gut für Andrè Schuen, jedenfalls vergleichsweise. 2020 war er mit einer der coronabedingt raren Opernrollen in Salzburg ("Così") gesegnet, nun legt der Südtiroler sein Debüt bei DG vor und umgarnt Schuberts "Schöne Müllerin". Einziger Einwand: Sein Bariton tönt hier etwas wutsteif, wenn ihn Eifersucht und Stolz anfechten. Doch was für ein Klangpoet ist das im Stillen: Gegen die Betörungskunst dieser Stimme ist Widerstand zwecklos. Schuen und sein Begleiter Daniel Heide gehen den Zyklus eher bedächtig an, verwandeln Stücke wie "Die liebe Farbe" in Hochämter einer wehen Sehnsucht, die sich in geschmeidigen Legatos und tauglanzzarten Spitzentönen vermittelt. Zeitanhaltend schön.