Um Leben und Tod ging es zwar nicht, der Satz kam trotzdem nicht von ganz Ungefähr: "Die Wiener Philharmoniker haben mich gerettet", begann Christian Thielemann am Freitag ein Pressegespräch in Wien. Das Ensemble hat ihn nämlich vor den Unbilden des Däumchendrehens bewahrt. Thielemanns Verpflichtungen als Chef der Staatskapelle Dresden, sie ruhen wegen rigider Bühnen-Regeln: "Seit Monaten findet nichts Anständiges mehr statt", klagt er. Und der Ausflug der Dresdner ins österliche Salzburg ist schließlich auch ins Corona-Wasser gefallen.

Doch da gibt es eine Edel-Alternative: Thielemann stopft die Terminlöcher, indem er seinen Bruckner-Zyklus mit den "Freunden in Wien" fortsetzt. Seit 2019 spielt man im Team die Symphonien des Oberösterreichers für CD, Streaming- und ORF-Übertragungen ein. Die Terminflaute rundum sorgt nun für Luxusbedingungen von bis zu sechs Proben vor jeder Sitzung. "Wir haben Glück, wir haben Anton", jauchzt Thielemann.

"Elf, nicht neun Symphonien"

Dabei gibt man sich nicht mit den neun Katalognummern im Bruckner-Köcher zufrieden. Die Salzburger Absage hat ein Zeitfenster geöffnet, um auch die beiden annullierten Symphonien des legendären Selbstzweiflers zu sichten, also die sogenannte "Studiensymphonie" und die "Nullte" - und sie haben Thielemann elektrisiert. Es liege mitnichten an einer Langeweile, dass er die angeblichen Nullnummern nun mit einer Aufnahme nobilitiert. Die zwei seien "sträflich vernachlässigt", ja: "Bruckner hat nicht neun Symphonien geschrieben, sondern elf." Schon die "Studiensymphonie" sei ein voll "ausgewachsener" Gattungsvertreter, ihr Autor nur noch nicht ganz bei sich angekommen. Die "Nullte" wiederum (unter Beifügung eines ominösen Kringels für "ungiltig" erklärt und übrigens erst nach der Ersten Symphonie entstanden) sei "absolut tourneetauglich".

Kuriose Kindesweglegung

Dass es sich tatsächlich um kuriose Kindesweglegungen handelt, belegte am Sonntag die Aufnahme im Musikverein vor einer Handvoll (getesteter) Kritiker. Frei von handwerklichen Unsicherheiten verfasst, verdient sich die "Studiensymphonie" den Titel einer "Ersten" - wobei ihr auch der augenzwinkernde Beiname "Die Schumännische" nicht schlecht anstünde. Immerhin glänzen die Ecksätze mit galantem Streichersamt wie aus der Werkstatt des deutschen Kollegen; in den Mittelsätzen zeichnen sich dagegen die Ecken und Kanten des unverkennbaren Symphonikers zart unter dem sanften Klangbild ab.

Und die vermeintliche "Nullte" in d-Moll? Besitzt tatsächlich das Zeug zum Publikumsliebling, besitzt nämlich schon alle Trumpfasse des typischen Brucknerstils und bringt diese (fast) zur vollen Wirkung. Da wird also ein Choral chromatisch gerückt, da bezaubert eine kontemplative Klang-Oase, da surrt die Streichermotorik und steigern sich Blech-Unisoni zu archaischer Wucht. Die Philharmoniker und Thielemann bleiben dabei ihrem goldenen Bruckner-Standard treu, vermählen Klangpracht mit quirliger Wendigkeit und liebevoller Detailgestaltung. Womit wohl eine Referenzaufnahme zu erwarten steht.