Langeweile macht kreativ, heißt es. Die Krise, in der sich Musiker derzeit befinden, wäre so gesehen eine Gelegenheit. Sich den Staub von den Schultern zu klopfen, die eigene Rolle zu hinterfragen. Neue Formen des Musikmachens zu suchen. So weit die Theorie. Doch wie so oft spricht die Praxis eine andere Sprache und alles, was sich im Musikbetrieb seit der Krise tatsächlich geändert hat, ist das Medium. Live-Konzerte finden seit Corona im Stream statt.

Das führt nicht nur zum Verlust der Form, sondern auch des Inhalts. Denn nicht nur das zeremonielle Moment, das dem Konzerterlebnis innewohnt, fällt damit flach. Anstatt sich schick zu machen und für einen Abend mit Freunden im festlichen Rahmen eines Konzertsaals zu sitzen, versinkt man in der eigenen Couch und hört Musik in schlechter Qualität über den Computer. Das allumfassende Erleben eines Konzerts mit allen Sinnen, inklusive Austausch in der Pause, wird ersetzt durch ein Sich-berieseln-Lassen von Musikern am Bildschirm, die es sich leisten können (oder müssen), ihre Musik gratis im Internet anzubieten. Die Umwandlung vom Medium ist daher nicht nur nicht ausreichend, sie ist auch noch kontraproduktiv. Ein neues Konzept wäre gefragt.

Bertl Mütter unter der Pummerin. - © B. Mütter
Bertl Mütter unter der Pummerin. - © B. Mütter

Es gibt nur wenige Künstler, die es schaffen, aus der schwierigen Situation, in der sie sich befinden, etwas Neues zu kreieren. Bertl Mütter ist einer davon.

Als der erste Lockdown kam, schnappte er sich seine Posaune und ging damit zu Toni Faber in den leeren Stephansdom. "Ich würde gerne bitte den ganzen Dom vermessen", lautete die unkonventionelle Anfrage. "Ja, mach!", die lakonische Antwort des Priesters. "Trombonautische Raumvermessung" war von da an die Devise. Mütter wollte die Stille nützen ("Es war nicht das übliche babylonische Zaustergewäsch, das in einer Metropole herrscht, wenn Menschen sich diesen Dom anschauen."), um die Räume des Doms mit seiner Posaune abzuhorchen.

Wie darf man sich das konkret vorstellen? Mütter bespielt die Räume des Doms, von ganz unten (begonnen bei den Katakomben) bis ganz oben (letzte Station: die Pummerin). Er improvisiert in allen Räumen, von denen natürlich jeder anders klingt, und bringt so die Architektur zum Klingen. Was als Projekt für die Initiative "Architektur hören" begann, wurde schnell zu einem Herzensprojekt des Musikers, das er als Album veröffentlichte und seither selbst vertreibt.

Was ist in der Posaune drin?

Man darf sich Bertl Mütter als sympathischen Eigenbrötler vorstellen, dem es in erster Linie um das Erfahren und Erleben von Musik geht. Musik als Mittel zur Welterkundung? "Selbstverständlich!" Gewissermaßen sieht er sich als Seefahrer, denn "es ist wie eine große Reise, bei der ich mich auf einen unbekannten Ozean begebe, horche, was ist in der Posaune drinnen, was ist im Raum drinnen, was will der Raum, was will die Posaune von mir. Es ist ein Wollen, ein Geben, ein Nehmen. Ein In-Klang-Bringen und Mich-in-den-Klang-Hineinstellen."

Dass es dabei ein großes Maß an Flexibilität benötigt, ist klar. Denn auch wenn der Dom völlig leer ist, ist es dennoch nicht völlig still. Da sind die Glocken der Kirche nebenan, die just zu läuten beginnen, als er im Turm spielt, da ist der Organist, der gerade eine Mittagsmesse in C-Dur begleitet, da ist das Schlüsselgeklapper der Domwärter, da sind die "Hardcore-Betenden", wie er die paar Leute nennt, die das Sakrament anbeten. Die wollte er jedenfalls nicht stören, so der "fröhlich Ungläubige". "Das Zuhören oder Reagieren auf eintreffende Klänge ist immanent in diesem Projekt. Weil ich kann ja nicht ändern, was rund um mich passiert." Das gilt auch als Lebenseinstellung. Und so bezieht er all diese unvorhergesehenen Klänge in sein Spiel mit ein - wie er die Situation, in der er sich als Musiker befindet, in seine Art, Musik zu machen, einbezieht.

Ergebnis ist ein Zwiegespräch mit den Räumen des Stephansdoms. Klänge von berührender Schönheit, die in ihrer Intensität ihresgleichen suchen und die ernüchternde Streaming-Erfahrungen der letzten Zeit energisch beiseite wischen. Das "Locus iste" von Bruckner, eigentlich ein Choralwerk, erklingt als "irreprehensibilis" auf seiner Posaune derart vielstimmig, dass man sich fragt, ob da denn wirklich nur ein Musiker am Werk sein kann. Ist er, und auch nachträglich wurde nichts hinzugefügt. Das Spiel mit dem Instrument, der Stimme und dem räumlich bedingten Hall führt zu diesem zauberhaften Klang, der einerseits den choralen Charakter des Stücks abbildet und andererseits etwas Neues entstehen lässt, indem es nämlich die innere Zurückgezogenheit dieser Zeit der Stille darstellt.

Kein fixer Preis

Es überrascht nicht, dass man das Album nicht am Markt, sondern lediglich über Bertl Mütter selbst erwerben kann und dass es auch keinen fixen Preis hat. Man zahlt, was man kann und möchte. Denn es fügt sich nicht den Erwartungen der Masse - in keiner Hinsicht.

"Es ist keine Belehrung oder Glaubensaussage damit verbunden. Es ist hochgradig subjektiv. Grundsätzlich gilt natürlich, dass ich mit meiner Musik Menschen eine Freude machen möchte auf eine nicht triviale Weise." Das ist ihm mit seinem Album "auscultationes" gelungen. Und auch wenn es darum geht, die Rolle des Musikers neu zu erfinden, ist Bertl Mütter ganz vorne dabei.