Am 25. April hätte der Wiener Singverein seinen nächsten Auftritt gehabt. Auf dem Programm im Musikverein: Hector Berlioz‘ "Romeo und Julia" mit dem Orchestre de Paris. Auf dem (Online-)Programm stehen seit einigen Tagen freilich auch kleingedruckte "Bemerkungen", dass die Veranstaltung "nicht zum geplanten Zeitpunkt stattfinden" könne. "Über das weitere Vorgehen werden Karteninhaber sobald wie möglich informiert." Und wieder muss der Chor umplanen.

"Es ist ein Fahren auf Sicht im dichtesten Nebel", charakterisiert Chordirektor Johannes Prinz die Situation, die von allen Beteiligten viel Flexibilität verlangt. "Solange es nicht abgesagt wird, laufen wir ganz normal auf ein Konzert zu", sagt Prinz. Normal ist freilich bisher gar nichts an dieser Saison. "Seit vielen Monaten ist das Spiel immer das gleiche: Wir bereiten uns bis zuletzt auf ein Konzert vor und haben eine unglaubliche Menge an zusätzlicher Organisation zu bewältigen. Im Moment gilt Probenplan Nummer sieben, normalerweise komme ich mit zwei bis drei pro Saison aus. Mit den verworfenen Probenplänen kann ich mittlerweile ganze Wände tapezieren. Und dann ist wieder alles anders. Aber ich bin weit davon entfernt, mich zu beklagen. Es ist, wie es ist. Und auch wenn das Berlioz-Konzert verschobenerweise zu einem späteren Zeitpunkt kommen sollte, werden wir zaubern und das hinkriegen."

"Harmonische Gemeinschaft"

Dass der 1958 geborene Kärntner im APA-Interview dennoch gelassen klingt, verdankt er zwei wesentlichen Dingen: Leidenschaft und Routine. Die Leidenschaft für das gemeinsame Singen hat er bereits als Mitglied der Wiener Sängerknaben zu seinem Lebensinhalt gemacht, Routine als Chorleiter hat er seit 1982 erworben, als er die Leitung des neu gegründeten Chors der Wiener Wirtschaftsuniversität übernahm. Seit 1991 ist er Chordirektor des Wiener Singvereins, des Chors der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. "Normalerweise haben wir bis zu 18 Produktionen und weit über 100 Termine pro Saison." Diesmal muss er bei der Frage nach dem bisher letzten Konzert der Saison nachdenken: "Ich glaube, das war im Herbst mit den Wiener Symphonikern unter Andrés Orozco-Estrada. Er hat früher selber im Singverein gesungen und dadurch eine starke Verbindung zu unserem Chor."

Der Wiener Singverein ist ein Amateurchor, der im professionellen Musikbetrieb als einer der besten Konzertchöre der Welt gilt. Er zählt an die 270 Mitglieder, deren Einsätze nach einem Projektsystem geregelt werden. "Sie leben nicht vom Singen, aber in vieler Hinsicht für das Singen", heißt es in einer Selbstdarstellung des Chores. "Und wenn sie zu Proben oder Konzerten ins Musikvereinsgebäude kommen, dann kommen sie nicht zum Dienst, sondern vom Dienst - aus Büros, Kanzleien, Arztpraxen, Unterrichtsräumen."

"Wir sind eine sehr harmonische Gemeinschaft", sagt Prinz. Abgesehen von den Proben und Konzerten findet das soziale Leben des Chores im Beisammensein nach Konzerten statt. Das fällt nun weg.

Die Proben sind streng organisiert, geprobt wird in kleinen Gruppen, mit Sicherheitsabstand und mit ständigen Testungen. "Das Sicherheitsnetz ist engmaschig, unglaublich aufwendig und klappt dennoch wie am Schnürchen. Es ist bei uns noch nie etwas passiert."

Und wie geht es den Chorsängerinnen und Chorsängern, die ihrer Passion seit langem nicht mehr in dem üblichen Umfang nachkommen können? "Es ist ein ganz großer Bedarf nach dem gemeinsamen Singen da. Deswegen sind sie jetzt wohl auch im Privatleben vorsichtiger, um das nicht zu gefährden. Wie sich die Corona-Zeit qualitativ niederschlagen wird, lässt sich noch nicht einmal erahnen. Das ist die große Unbekannte. Sicher ist einerseits, dass der Motor Stimme länger braucht, bis er wieder wie gewohnt läuft. Andererseits kann es aber durchaus auch sein, dass das Proben in den riesigen Sicherheitsabständen das sängerische Selbstbewusstsein der Chormitglieder gefördert hat."