"Es ist auch viel Psychologie dabei"

Julia Purgina hat in Wien nicht nur Komposition, sondern auch Bratsche studiert und ist beruflich in beiden Rollen aktiv; eine Doppeltätigkeit, wie sie bis zur Mozartzeit gang und gäbe war. Die Bühnenerfahrung kommt ihr als Komponistin zugute: "Da ich den Blick einer Musikerin besitze, versuche ich, meine Stücke so genau wie möglich zu notieren." Das heiße nicht, dass ihre Partituren leicht zu spielen wären. "Aber sie müssen sich unmissverständlich mitteilen. Das kann wahnsinnig viel Probenzeit sparen", sagt Purgina, die an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) zudem als Professorin und Studiengangsleiterin der Abteilung Saiteninstrumente tätig ist.

Überhaupt denkt sie schon beim Notensetzen an die Interpreten. "Beim Komponieren ist auch viel Psychologie dabei. Es hilft, die Musiker im Vorhinein zu kennen. Tut sich jemand mit Rhythmen leicht, lässt sich das gut verwenden – und natürlich auch, wenn jemand einen besonders schönen Klang besitzt, wie zum Beispiel die Horngruppe der Wiener Symphoniker, für die ich das Orchesterstück ‚Akatalepsia‘ geschrieben habe. Wenn man solche Stärken ausnutzen kann, bringt man die Musiker zum Glänzen."

Bemerkenswert: Bevor Purgina auch nur eine Note setzt, erstellt sie ein genaues Zeitraster. "Wenn es ein Stück mit konkretem Aufführungsdatum werden soll, kann ich nur dann gut arbeiten, wenn ich einen klaren Plan habe. Ich lege fest, welche Entwicklungen sich in der Musik ereignen sollen, an welchen Stelle Überraschungen und Steigerungen stattfinden werden." Am Ende befüllt Purgina diese ausgefeilten Architekturpläne mit Klängen, die gleichermaßen sinnlich und raffiniert-komplex wirken. Musikalische "Verbote" erlegt sie sich dabei nicht auf, auch nicht für Dur-Moll-Harmonien, die großen Tabus der Nachkriegs-Avantgarde. "Ich habe ein relativ entspanntes Verhältnis zum Material, es wird je nach Aussage und Zweck eingesetzt", sagt Purgina, die als Bratschistin auch beim Wiener Studio Dan mitwirkt, einem Grenzgänger-Ensemble zwischen Neuer Musik und Jazz.

Gibt es für die mehrfach ausgezeichnete Künstlerin auch so etwas wie ein "guilty pleasure", also eine Vorliebe für ein nicht ganz "standesgemäßes" Stück Musik? "Naja…ich mag Madonna. Aber das als guilty pleasure zu bezeichnen, wäre schon extrem elitär. Es ist einfach nur etwas ganz anderes als das, was ich mache."

"Und ab und zu ein Hollywood-Job"

Tristan Schulze - © Christoph Liebentritt
Tristan Schulze - © Christoph Liebentritt

Vier Monate herrscht nun schon Funkstille in den Konzertsälen und Opernhäusern. Eine gewaltige Durststrecke ohne Live-Musik, und natürlich auch: eine Ewigkeit ohne die singulären Glücksmomente dieses Betriebs. Jene Sternstunden, in denen Musik schier die Zeit anhält. Jeder kennt solche Augenblicke, viele Künstler haben sie schon als Schlüsselereignis in jungen Jahren erlebt.

Tristan Schulze, aufgewachsen in der DDR, erinnert sich da etwa an eine konzertante Aufführung von Verdis "Macbeth" aus seinen Dresdner Studententagen: "Da waren dieses Riesenorchester und der Chor, alle musizierten volle Kanne. Am Höhepunkt singt die Sopranistin ihren Spitzenton – und du hörst praktisch nur sie. Das war prägend. Oper ist eine Urgewalt, der du dich nicht entziehen kannst."

Der Sachse bewies schon früh Schreibtalent und Neugier. Mit 14 war er als Cello-Schüler in ein Musikinternat gekommen: "Wir hörten heimlich Swing auf dem West-Sender Bayern 3. Irgendwann hatte einer von uns die Idee, wir gründen eine Bigband, und ich schrieb Arrangements." Nach dem Mauerfall suchte der Jungmusiker das Weite, erkundete monatelang Indien. In Wien studierte er danach Dirigieren und Komponieren, dann kam wieder alles anders: Gemeinsam mit den Geigern Aleksey Igudesman und Daisy Jopling gründete er als Cellist die Gruppe Triology – ein Publikumsliebling in den 90er-Jahren dank eines bunten Mix aus Kammermusik, Jazz und Pop. Die Nummern aus Schulzes Feder bereiteten den Weg für weltweite Tourneen und öffneten Türen zu renommierten Partnern. Ennio Morricone gestattete dem Trio, seine Leinwandmelodien zu adaptieren, und machte die drei mit dem Hollywood-Kollegen Hans Zimmer bekannt.

Mit dem steht Schulze bis heute in Verbindung. Zimmer erbittet von ihm immer wieder Sound-Vorschläge für seine Filmmusik-Projekte. Zum Beispiel? "Erinnern Sie sich an ‚Blade Runner 2049‘?", sagt Schulze und streicht mit einem Bogen über einen Saiten-Exoten, eine "Oberton-Zither". Tatsächlich: Was das Kinopublikum weltweit gehört hat, hatte er daheim in Wien-Alsergrund aufgenommen. Solche Hollywood-Jobs kommen "ab und zu" herein, auch Aufträge für TV-Dokumentationen.

In der Hauptsache ist der Cellist, Dirigent und Organist heute aber Partituren-Schreiber für den europäischen Kulturbetrieb. Dass er keine Berührungsängste mit der Tonalität hat, kostet ihn Präsenz bei Avantgarde-Festivals. Dafür haben etliche Klassik-Orchester bei Schulze Uraufführungen beordert, und im Namen der Wiener Staatsoper und des Theaters an der Wien hat er kurzweilige Musikkomödien komponiert.

Gibt es für den Grenzgänger auch so etwas wie ein guilty pleasure, eine peinliche Musikvorliebe? Nur in der Erinnerung. "Als Kind durfte ich mir spätabends die Bigband im Friedrichspalast im TV anschauen. Ich fand das cool, hatte aber das Gefühl, dass ich das nicht laut sagen darf." Heute sieht es Schulze so, wie das der Kontrabassist Ludwig Streicher einmal gesagt hat: "Es gibt eigentlich nur gut gespielte und schlecht gespielte Musik."

"Wenn das Material zu fliegen beginnt"

Susanna Ridler - © Christoph Liebentritt
Susanna Ridler - © Christoph Liebentritt

Ein markantes Konzerterlebnis aus ihrer Jugend? Susanna Ridler muss bei der Frage passen. Dafür hat ihr das nötige Umfeld gefehlt. "Ich bin in einem Dorf in Oberösterreich aufgewachsen, in einer musikfernen Familie." Immerhin: Es gab da "einen tollen Hauptschullehrer. Er schenkte mir eine Kassette mit Musik von Crosby, Stills, Nash and Young, was mir gewissermaßen die Ohren geöffnet hat." An den erhofften, frühen Klavierunterricht war aber nicht zu denken. "Allerdings gab es rätselhafterweise etwas in mir, das sich musikalisch ausdrücken wollte und sich im Laufe der Jahre einen Weg suchte."

Ridler musste dabei einige Extrakilometer gehen. Ein Jazz-Gesangsstudium? Hätte sie gerne begonnen, als sie in Wien ankam. Gab‘s damals aber noch nicht, und so verbrachte sie einige Zeit beim Musical und Schauspiel. "Schließlich ging ich ins Ausland und studierte in den Niederlanden und den USA Jazzgesang." Zentral die Zeit in Los Angeles: "Dort ging es besonders um den individuellen Sound in den Kompositionen; ich schrieb erste Stücke für Vokal-Trio und belegte einen zweiten Platz beim A-Cappella-Wettbewerb Harmony Sweepstakes."

Wieder in der Heimat, vertiefte sich Ridler in die Geheimnisse der Elektronik. Das Ziel: komplexe Klanglandschaften für die eigenen Songs. Der Weg dorthin erwies sich als steinig. Ein Laptop war noch "sauteuer", die Software gefinkelt. "Ich brauchte Jahre, um das alles in mein Kompositions-Instrumentarium zu integrieren. Die Elektronik bietet unendliche Möglichkeiten, beim Komponieren verschiedenste Stile, akustische wie artifizielle Instrumente zu verschmelzen. Aber es brauchte Geduld, die angeeignete Technik auch künstlerisch umzusetzen."

Drei Alben hat die singende Komponistin bis heute veröffentlicht; die Raffinesse ist stetig gestiegen. Das betrifft nicht nur das Material, sondern auch die Arbeitsweise. Ridler fügt ihren Klang-Architekturen mittlerweile auch Aufnahmen "magischer Momente" ein, die sich bei ihren Live-Auftritten ereignen. Konzerte, in denen sich für Kontrabassist Peter Herbert, Saxofonist Wolfgang Puschnig und die eigene Stimme Improvisationsfenster öffnen. Im günstigen Fall führt dies zu "Momenten des Erstaunt-Seins darüber, wie sehr das notierte Material zu fliegen beginnt".

Erstaunlich auch, wohin der Weg noch führen sollte. Durch ein Festival-Projekt ist Ridler vor sechs Jahren auf Gert Jonke (1946-2009) gestoßen, hat seine Literatur dann immer wieder in ihre Musik verwoben. Wie variantenreich, zeigt die aktuelle CD "Geometrie der Seele": Mal geistert Jonkes Stimme als O-Ton durchs Klangbild, mal jongliert die Sängerin mit den Worten. Ausgangsbasis des Albums: Ridler hatte Jonke für verschiedene Auftraggeber vertont – und ist dabei auch zur Orchesterkomponistin avanciert. Wie es weitergeht? Schwer zu sagen. "Mein Stil hat sich verändert, auch durch Jonke. Ich versuche, mich immer weiterzuentwickeln. Derzeit arbeite ich an Ideen für eine Filmmusik zum neuen Projekt von Regisseurin Maria Arlamovsky."

"Ich sehe mich als Maßschneider"

Gerald Resch - © Christoph Liebentritt
Gerald Resch - © Christoph Liebentritt

Wenn Teenager vom "Klang der Freiheit" schwärmen, steckt oft ein Rockfestival dahinter. Der Linzer Gerald Resch erlebte mit 16 ebenfalls, dass Musik Grenzen sprengen kann – allerdings bei einem zeitgenössischen Programm im Konzertsaal. Das George Crumb Trio gastierte mit Musik seines Namenspatrons in Oberösterreich. Bemerkenswert nicht nur der Sound, sondern auch das Setting: Das Trio begleitete Crumbs Klänge mit Urlaubsdias, die verkehrt im Projektor steckten. Resch: "Mich hat diese Freiheit begeistert, die in der Neuen Musik offenbar existiert."

Er selbst hatte damals schon erste Schreibversuche auf Notenpapier unternommen. Sein Klavierlehrer hatte ihn dazu ermutigt, brachte ihm Ikonen wie Steve Reich und Anton Webern nah, begeisterte Resch für den Beruf. Später, während seiner Komponisten-Lehrjahre an der Wiener Musikhochschule, hat der Linzer dann auch Musikwissenschaft und Philosophie studiert. Warum? Augenzwinkernde Antwort: "Weil es ja heißt, die Berufsaussichten seien eher schlecht mit dem Komponieren." Die beiden Zusatzstudien hatten aber durchaus Sinn und Nutzen. Resch, der heute vor allem als Tonsetzer und Universitätslehrer tätig ist, erhält dank seines Bildungshorizonts auch immer wieder Aufträge für Programmheft-Texte – ein schöner Anlass, um über den eigenen Tellerrand hinaus analytisch auf andere Werke zu blicken.

Überhaupt ist Resch ein Freund der Offenheit. In den Konzertsälen wünscht er sich mehr Koexistenz von klassischen und zeitgenössischen Stücken. "Mir ist schon klar, dass manche Besucher eher trotz als wegen eines neuen Werks ins Konzert gehen. Aber ich möchte daran glauben, dass man Konzerte mutiger gestalten kann. Und ich freue mich, wenn das manche Orchester auch tun."

Resch kennt solche gemischten Programme aus eigener, positiver Erfahrung. Manch ein Stück aus seiner Feder hat schon gute Figur neben einem alten Meisterwerk gemacht. Natürlich: Dass Resch auf Tonalität verzichtet, fordert die Klassik-Abonnenten. Dafür webt er seinen Partituren einen roten Faden ein, gestaltet den Klangfluss prägnant. Seine Musik geht kommunikativ auf das Publikum zu – und nie an den Bedürfnissen der Musiker vorbei. "Ich sehe mich auch als Maßschneider. Wenn jemand ein Werk für ein bestimmtes Ensemble beauftragt, reagiere ich auf die Gegebenheiten." Unlängst etwa hat er einem Barockensemble frische Töne auf den Leib geschrieben. "Ich ahme dabei keine Musiksprache nach, beschäftige mich aber genau mit dem Instrumentarium."

Selbst der Jazz ist Resch nicht fremd: Der 45-Jährige spielt in einer Big-Band Saxofon. Das aber nur als Hobby: "Als Musiker aus dem steifen Fach muss man sich schon trauen, einmal so richtig ins Rohr zu blasen." Hat Resch auch eine Art guilty pleasure, ein Faible für eine gemeinhin verpönte Musik? "Meine Studenten sind immer nahezu schockiert, wenn ich ihnen das Kapitel Sequenz-Modelle anhand von Udo Jürgens erkläre, der mit dieser Technik raffiniert umgeht. Wobei: So ‚guilty‘ fühle ich mich nicht."

"Abwechslung belebt"

Judit Varga - © Christoph Liebentritt
Judit Varga - © Christoph Liebentritt

Judit Varga denkt kurz über die Frage nach: Nein, ein prägendes Musikereignis aus ihrer Kindheit fällt ihr nicht ein. Ein solches Schlüsselerlebnis sei aber nicht notwendig gewesen, da sie seit jeher musikbegeistert war. "Angeblich bin ich vom Kindergarten nach Hause gekommen und habe gesagt, ich werde Musikerin." Die Familie – bisher ohne Tonkünstler in ihren Reihen – staunte angeblich nicht schlecht, brachte das Kind aber prompt in eine Musikschule. Ab da ging es Schlag auf Schlag. "Irgendwann habe ich meiner Klavierlehrerin die ersten eigenen Stücke mitgebracht. Sie hat das einem Komponisten gezeigt, und der nahm mich in seine Klasse auf, als ich 13 war." Ihr Leben sei reich an Zufällen gewesen, sagt Varga, sie sei "der Strömung gefolgt". Ein anderes Beispiel? "Als ich in Wien Komposition und Klavier studierte, erfuhr ich, dass es hier auch eine Ausbildung für den Medienbereich gibt. Ich dachte, da schau ich einmal rein. Mir hat die Atmosphäre dann gut gefallen, es war ziemlich entspannt."

Heute ist Varga selbst Professorin für Medienkomposition an der Wiener Musikuni und lehrt Notensetzen für die Anwendungsfelder Film, Fernsehen, Theater und Multimedia. Mit dieser Bandbreite geht eine immense Klangvielfalt einher. "In meiner Klasse kann man in sehr unterschiedlichen Stilen komponieren; ich denke, die Studenten genießen das sehr."
Vargas eigener Klangkosmos ist ebenfalls weit gespannt. Im Konzertfach reicht ihr Stil von einem traditionsnahen Tonfall bis zu Großformaten ohne Scheu vor der Dissonanz. Außerdem schreibt sie diverse Soundtracks für die Medienbranche, aus der rund 30 Prozent ihrer Aufträge stammen. Für Varga sind das keine reinen Brot-Jobs, sondern reizvolle Herausforderungen. "Die Abwechslung belebt und hält frisch", sagt die Komponistin.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Konzert- und Kinoprojekten ist natürlich: Im zweiten Fall haben die Produzenten und Regisseure ein gewichtiges Wort bei der Musik mitzureden. "Die besseren Kompositionen entstehen, wenn man mir Vertrauen entgegenbringt und ich frei arbeiten kann." An Aufträgen hat sie übrigens keinen Mangel, auch in der Corona-Zeit nicht: "Ich habe die Pandemie bisher finanziell kein bisschen gespürt, ich komponiere und verdiene genauso viel wie davor", sagt die Künstlerin mit Aufführungsorten zwischen Budapest und New York.

Gibt es im Klangkosmos dieser Vielfältigen auch eine Art "guilty pleasure" – Musik von fragwürdiger Qualität, die sie trotzdem gern hört? Varga lacht: "Ich nenne keine Namen, aber mein Mann wundert sich, dass ich in meiner Spotify-Playlist auch ein paar schräge, aberwitzige Nummern habe. Lieder, von denen mir vielleicht nur ein Detail gefällt. Die ich mir aber trotzdem gern anhöre."