Das Ritual ist so verlässlich wie die Corona-Auftritte der Bundesregierung - aber erbaulicher. Alle paar Wochen erwecken die Philharmoniker den leeren Musikverein für ein paar Konzertstunden aus dem Koma und senden ihrer fernen Abonnentenschaft (zumindest über den Umweg von Radio, TV und Streaming) ein Lebenszeichen. So geschehen nun auch am Ende der 22. Woche des Kultur-Lockdowns seit November: Nach den Bruckner-Terminen mit Christian Thielemann übernahm Franz Welser-Möst die Staffel am Pult. Live von Ö1 und dem Streamingdienst Fidelio übertragen, schwang sich der Oberösterreicher zum Fürsprecher zweier Raritäten auf. Richard Strauss’ "Symphonia domestica" und Franz Schuberts Zweite Symphonie - eine kurioses Kombination in kuriosen Zeiten.

Zu Hause in der "Domestica": Welser-Möst. - © Julia Wesely
Zu Hause in der "Domestica": Welser-Möst. - © Julia Wesely

Dass diese Zweite Symphonie keine Weltgeltung besitzt, hat ihre Gründe. Bei einer Blindverkostung würde man sie eher Joseph Haydn zuschlagen, wehten einem nicht hier und da Schuberts bittersüße Melodie-Aromen um die Nase. Welser-Möst verleiht diesen Passagen einen beredten, geschmeidigen Ausdruck und beschert auch jenen Passagen Vitalität, deren schablonenhafte Akkordfolge an sich nicht den Puls hebt.

Ganz zu Hause wirkt der Linzer in der "Domestica" - jener Tondichtung, die gut und gern aus einem Lockdown stammen könnte, hat Strauss hier doch sein Familienleben in augenzwinkernden Details klangmalerisch porträtiert: vom gütigen Auftritt des Papas über die handsame bis hantige Gattin bis zum "Bubi", der Hauptattraktion eines Verwandtschaftsbesuchs. Welser-Möst gestaltet die 45-minütige Homestory mit unnachgiebiger Spannung, schwelgt in den Klangfluten des Familienkrachs und der finalen Harmonie, ohne schillerndes Kolorit und ziselierte Nebenstimmen verschwimmen zu lassen. Kurz gesagt: "Wow", wie es am Ende einem Musiker entfuhr. Nachzusehen am 16. Mai, ORF III.