Es darf wieder gehofft werden: Ab 19. Mai sollen die Corona-Verbotsschranken in Österreich allmählich fallen - auch im Kulturbereich. Indoor sollen dann bis zu 1.500 Personen eine Veranstaltung besuchen können (wobei der Saal nur zur Hälfte gefüllt sein darf), outdoor maximal 3.000. Das Publikum muss getestet, geimpft oder vom Virus genesen sein und eine Maske tragen.

Dass der aktuelle Lockdown jetzt schon 23 Wochen seit Herbst währt, nährt allerdings auch eine Sorge. Hat die Generalpause den Künstlern geschadet? Das Thema betrifft vor allem die Orchester: Ihre Qualität steht und fällt mit der Güte des Zusammenspiels - diese Feinmechanik bedarf der Praxis.

Nicht bangen muss man um die Philharmoniker: Zuletzt viel getadelt für ihren frühen Impftermin, haben sie sich öffentlichkeitswirksam in Schuss gehalten. Seit November hat das Ensemble acht Musikverein-Termine für die TV-Kameras und Mikrofone veranstaltet und die (gestreamten) Premieren der Wiener Staatsoper begleitet.

Weniger sichtbar war das Radio-Symphonieorchester (RSO) Wien. Das Ensemble sei aber nicht rostgefährdet, sagt Intendant Christoph Becher. "Ich erinnere mich an ein Konzert nach dem ersten Lockdown, das Orchester hat wie um sein Leben gespielt. Die Musikerinnen und Musiker arbeiten auf einem so hohen Level - man müsste ihnen schon monatelang die Instrumente wegnehmen, damit sie schlechter werden." Ein solcher Qualitätsverlust scheint ausgeschlossen: Die Orchestermitglieder haben nur das Frühjahr ’20 in Kurzarbeit verbracht und sich damals in Schuss gehalten, danach sind einige Projekte entstanden. "Wir haben in den vorigen zwölf Monaten sehr viel aufgenommen." Das Material, rechnet Becher, werde fünf bis sechs Alben füllen und zollt Komponisten wie Julia Purgina und Mark-Anthony Turnage Tribut. Zudem hat das RSO, das derzeit mit Maske arbeitet (natürlich abgesehen von Bläsern), seit 2020 acht Konzerte gestreamt. Wegen hoher Kosten und überschaubarer Seherzahlen sei dies aber ein "zweischneidiges Schwert".

Scheiben und Schulfilme

Gerade in diesem Bereich waren die Wiener Symphoniker emsig: 13 "Wohnzimmerkonzerte" haben sie von November bis März im Konzerthaus veranstaltet, die Serie ist weiterhin auf YouTube abrufbar. Das Orchester, das ebenfalls CDs aufnahm, befindet sich nun seit 1. Februar in Kurzarbeit. Dennoch spielte es jüngst sein traditionelles Osterkonzert für die ORF-Kameras ein und erarbeitet ein Video zum "Virtuellen Fest der Freude" am 8. Mai; vor jedem Projekt werden sämtliche Beteiligten getestet.

Auch das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich durchleuchtet sein Team regelmäßig auf das Virus und hat sich ein breites Tätigkeitsfeld zugelegt. "Um ein großes Berufsorchester wie unseres über Monate ohne öffentliche Auftritte spielfähig zu erhalten, braucht es natürlich alternative Projekte. Daher planen wir seit rund einem Jahr mehrgleisig", sagt Geschäftsführer Frank Druschel.

Diese Strategie hatte neben einigen Streamings auch eine fünfteilige Filmproduktion zur Folge: "Erklärt. Erlebt!" soll dem Nachwuchs im Unterricht die Klassik schmackhaft machen. Derzeit werken die Tonkünstler an einer CD mit dem Weltmusiker Herbert Pixner, im Mai erscheint ein Brahms-Album mit Chefdirigent Yutaka Sado. Eine Impfung haben bisher übrigens weder Tonkünstler, RSO noch Symphoniker erhalten. Letztere erklären dazu: "Kulturschaffende sind im Covid-Impffahrplan der Stadt Wien berücksichtigt, noch ist aber nicht ganz klar, wann es so weit sein wird."