Bei der Beurteilung eines Kunstwerks spielt nur dessen Qualität eine Rolle. Der Charakter des Künstlers ist das Thema von Biografien. Haltung und Begabung stehen in keiner Wechselwirkung. Miese Charaktere können bedeutende Werke schaffen. Die Übertragung von moralischen Werten auf den Wert von Kunstwerken ist unzulässig. Es ginge beispielsweise nicht an, dass man Carlo Gesualdos Madrigale mit dem Argument abwertet, ihr Schöpfer sei ein Mörder gewesen.

Damit zu einer der jüngsten Veröffentlichungen des Labels Capriccio. Gerhard Frommel, 1906 in Karlsruhe geboren und 1984 in Filderstadt gestorben, war ein Protagonist der nationalsozialistischen Kultur. Einerseits verhielt er sich keineswegs nur parteikonform, andererseits war es wohl kein Versehen, dass ihn Adolf Hitler auf die Gottbegnadeten-Liste setzte. Als NS-Komponist mag Frommel freilich auch gelten, weil sich sein Schaffen auf diese Zeit konzentriert. Nach 1945 dünnt es quantitativ aus - vielleicht, weil die Aufführungsmöglichkeiten wegbrechen. Moralisch schadet ihm seine ehemalige NS-Nähe, ästhetisch sein Festhalten an Tonalität und Melodie.

Gerhard Frommel Sinfonie Nr. 1, Sinfonisches Vorspiel (Capriccio)
Gerhard Frommel Sinfonie Nr. 1, Sinfonisches Vorspiel (Capriccio)

Das Begleitbooklet versucht eine Differenzierung, geht aber im Entschuldigen arg weit: Dass Gerhard Frommels Bruder, der Schriftsteller Wolfgang Frommel, Juden vor der Verfolgung gerettet hat, ist nicht Gerhard Frommel anzurechnen, wie man ja auch den Päderasten-Skandal Wolfgang Frommels nicht Gerhard Frommel vorwerfen kann. - Was in der Bewertung von Gerhard Frommels Musik zählt, ist freilich ausschließlich diese selbst. Was also ist an ihr dran?

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Die CD bietet die Erste Sinfonie und das "Sinfonische Vorspiel", mustergültig aufgeführt vom Philharmonischen Orchester Jena unter Jürgen Bruns. Der erste Satz der 1938 uraufgeführten Sinfonie eröffnet mit einem heroischen Thema, das klingt, als wären in Richard Strauss’ "Heldenleben" die Noten durcheinandergekommen. Die melodisch weiten Entwicklungen des zweiten Themas aber, ebenfalls Strauss-beeinflusst, aber auch herber, ohne dessen Schlagobers, überzeugen. Der Höhepunkt der Sinfonie ist das Scherzo, in dem Frommel eine absichtlich plumpe Volkstümlichkeit fratzenhaft verzerrt, geradezu zertrümmert, und mit gespenstischen Momenten kontrastiert: eine Spuk-Musik der Sonderklasse. Gälte für Frommel, was man Dmitri Schostakowitsch für den Stalinismus zugesteht, könnte man diesen Satz zum Protest gegen die völkische Kultur des Nationalsozialismus umerklären. Der Finalsatz tut arg viel an Pathos und fahnenflatternder Fröhlichkeit - aber da drängen sich auch knirschende Strawinski-Harmonien dazwischen, als wollten sie die Feststimmung destabilisieren. Zweifel seien gestattet: Ist es nur das Wissen um den Kontext, das den Parteiaufmarsch suggeriert? Könnte man diese "Erste" Frommel nicht auch hier in einen Parallelfall zu Schostakowitschs "Fünfter" umdeuten? Und wird auch das "Sinfonische Vorspiel" (1943) ein Opfer des Zusammenhangs? Würde man diese strahlende Musik mit den schwelgerischen Höhepunkten bei etwa einem Briten oder einem Norweger nicht als eine überlegene Leistung der Zeit rühmen, ohne den braunen Mief zu riechen?

Das Label Capriccio ist zu rühmen, dass es eine Diskussionsbasis liefert. Und, am wichtigsten, mit zwei Werken bekannt macht, die in die Konzertsäle zurückkehren sollten. Die moralischen Fragen könnte man im Programmheft hinreichend diskutieren.