Die Tuba ist die Königin der Blasmusik! Alle Augen richten sich auf sie, auf dieses riesige goldglänzende Ding mit seinen tiefen Tönen. Also: Internationaler Tag der Tuba ist heute, und wie immer, wenn die Königin gefeiert wird, feiert sich die ganze Nation gleich mit. Der Tag der Tuba ist auch der Tag der Blasmusik.

Und das ist nicht etwa ein Kuriosum am Rande. Kurios ist eher, dass die Blasmusik-Kultur hierzulande ein Schattendasein führt, während die Blaskapellen in den skandinavischen und angloamerikanischen Ländern zur allgemeinen Musikkultur dazugehören.

Zurücklehnen im Lehnstuhl. Entspannen. Die Stimme ohne Druck nach unten rutschen lassen. Jetzt "uuu" sagen. Das ist der Klang der Tuba. Als wäre das "u" erfunden worden zum einzigen Nutzen, die Tuba zu charakterisieren. Alle "us" der Welt, alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen "us": Das ist die Tuba. Eine Geschichte über die Tuba müsste von allen anderen Vokalen befreit werden. Nur dus u ust dur Tuba wurdug.

Wenn das nur nicht so mühsam zu lesen wäre . . .!

Mehr als nur eine Röhre

Das Wort Tuba klingt nach Onomatopoesie. Könnte es wirklich der Lautmalerei entspringen. Da bläst ein Römer in eine Röhre und macht den Klang nach: "tuuu . . ." - und jetzt geht ihm die Luft aus: ". . . ba!"

"Tuba" heißt auf Latein ganz einfach "Röhre". Etwas anderes als eine Metallröhre waren die römischen Tuben auch nicht. Was allerdings vermuten lässt, die römischen Tuben wären keine tiefstimmigen Giganten gewesen, sondern schlanke Fanfaren. Das wiederum lässt die lautmalerische Namensgebung in Zweifel ziehen.

Die heutige Tuba wurde in Berlin um 1835 von Wilhelm Wieprecht und Carl Wilhelm Moritz entwickelt. Die Kontrabasstuba ließ sich 1846 Václav František Červený patentieren.

In das Orchester hielt die Basstuba bald Einzug. Dort löste sie die Bass-Ophikleide ab. Heute ist die Basstuba fester Bestandteil des modernen Orchesters. In der Wiener Staatsoper sitzt der Tubist vom Zuschauerraum aus gesehen rechts hinter den Posaunen.

Aber jetzt kommt’s: Es haut nicht hin mit dem Wechsel von Ophikleide zu Tuba. Und die Tuba ist kein Posaunen-Bass. Die Frage ist, was der Komponist will. An der Tuba zeigt sich, ob er seinen Orchesterklang im Ohr hat, oder ob er nur Konventionen folgt.

Der Klang der Tuba ("uuu". . .!) ist nämlich weich und feierlich, während die Ophikleide einen schärfer konturierten Klang erzeugte. Die Tuba mischt sich gut mit den Kontrabässen und kann deren Aufgaben übernehmen. Als Bass der Trompeten und Posaunen ist sie fehl am Platz. Wenn zum Beispiel Giuseppe Verdi eine Ophikleide vorschreibt, ist es im Prinzip falsch, den Part heute von der butterweichen Tuba ausführen zu lassen.

Götter und Nebelhörner

Von allen Komponisten war Richard Wagner der größte Liebhaber der Tuben. Er ließ sich sogar eigene Tuben konstruieren, die von Hornisten gespielt werden können. Mit diesen "Wagner-" oder "Ring-Tuben" erzeugt er im "Ring des Nibelungen" den erhabenen Götterklang. Auch Anton Bruckner nützt die Tuben in seinen letzten drei Sinfonien, um das Erhabene in Klang zu fassen. Ebenso skandiert die Basstuba im Zwischenspiel von  Carl Orffs Märchenoper "Der Mond" eine klangmagische, gleichsam sprechende Musik, die später dann Petrus übernimmt.


Einer der eindrucksvollsten Auftritte der Tuba ist gegen Schluss von Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes": Da symbolisiert sie ein Nebelhorn - und zugleich Einsamkeit und vielleicht den Ruf irgendeines eines phantastischen Meeresbewohners, den sich der wahnsinnige Fischer einbildet. Nur zwei Töne sind das, ständig wiederholt - aber welch ein überwältigender Moment!

Dennoch: Ganz gehört die Tuba im Opern- und Sinfonieorchester nirgends dazu, weder zu den Trompeten, noch zu den Posaunen und nicht zu den Hörnern.

Während sie hier eine Art integrierter Fremdkörper bleibt, fühlt sie sich in der Blasmusik im Familienverband der Bügelhörner - Moment: Kann man sich als Tuba pudelwohl fühlen? Immerhin: Pudel mit "u" . . .

Und damit zu einem Kuriosum, das keiner so recht erklären kann: Die Blasmusik, die in Skandinavien, Großbritannien und den USA eine lange Tradition hat, geradezu eine Hauptrolle in der Musikkultur spielt, und etwa in Österreich kaum statieren darf.

In Vor-Corona-Zeiten gab es in Wien im Juni das Österreichische Blasmusikfest mit Platzkonzerten und einer Parade, und die Akademische Bläserphilharmonie Wien hat sich zum Ziel gesetzt, klassische Blasmusikkompositionen aufzuführen.

In den Bundesländern gehört Blasmusik zu den diversen festlichen Anlässen vom Kirtag über das Feuerwehrfest bis zu Mai-Festen und anderen ähnlichen traditionellen Feiern. Im Vergleich zur Präsenz in Skandinavien und dem angloamerikanischen Raum ist das allerdings ein winzig kleines Segment. Und obendrein eines, das mit der Corona-Krise in Bedrängnis geraten ist.

Das gleich zweifach: Denn Blasinstrumenten wurde unterstellt, dass sie über die Aerosole auch Coronaviren verteilen könnten. Das wurde erst durch Experimente mehrerer Orchester, etwa auch der Wiener Philharmoniker, Mitte 2020 relativiert: Nur die Querflöte scheint im Verhältnis mehr Aerosole zu verbreiten.

Ein größeres Problem sind die Lockdowns, denen alle Auftrittsmöglichkeiten der Blasmusik zum Opfer gefallen sind. Verlage für Blasmusik sind in Österreich oft Familienunternehmen, die schon zu Normal-Zeiten mehr Liebe in die Sache investieren, als sie Profit damit machen. Mit den Lockdowns ist die ganze Branche in die Krise geschlittert, wie Astrid Koblanck, Vorstand der Musikverleger Union Österreich und Präsidentin des Verbands der Bühnenverleger Österreichs, schon im Dezember 2020 in einem Gespräch mit der "Wiener Zeitung" zu bedenken gab.

Überall Blasmusik

Zurück zu den Blasmusik-Bastionen der skandinavischen und angloamerikanischen Länder: Dort sind Wind Bands (Holz- und Blechbläser, dazu Schlagzeuge) und Brass Bands (Blechbläser mit Schlagzeug) tragende Säulen von Festen, Paraden und Sportveranstaltungen, und sie gehören zum sonntäglichen Straßenbild.

Aber nicht allein das: Komponisten schreiben symphonische Werke für solche großen Blasorchester - und haben dabei nicht Freiluft-Aufführungen im Sinn, sondern den ganz traditionellen Konzertsaal. Werke wie Vittorio Gianninis Dritte Sinfonie haben dabei vielleicht sogar einen Freiluft-Anstrich, aber John Coriglianos gewaltiger dreiviertelstündiger "Circus Maximus" ist eine reine postmoderne Konzert-Verklärung der Blasmusik.

Wahrscheinlich kommt auch nur ein Brite, der mit Wind Bands und Brass Bands aufgewachsen ist, auf die Idee, eine ganze abendfüllende Oper nur von Bläsern begleiten zu lassen, etwa Harrison Birtwistle, der in "The Mask of Orpheus" den antiken griechischen Aulos zum gigantisch wuchernden wunderbaren Bläsersatz transformiert.

Die Tuba freilich ist nicht nur erhaben und mächtig, sondern auch witzig. Immerhin ist einer der glänzendsten Musiker niemand anderer als Inspector Columbo, der sich in der Folge "Black Lady" ("Sex and the Married Detective", Staffel 8 / 3) als wahrer Tuba-Virtuose erweist - zum Ärger seiner Fans, die diesen Auftritt einfach schauerlich finden. (Ja, hätte er denn Pikkoloflöte oder Heckelphon spielen sollen?)

Und bis 1996 warb die Großmolkerei Müller Milch für ihren Milchreis mit dem Tuba-Männchen. Wieso ausgerechnet mit der Tuba?

Die Milch kommt von der Kuh.

Die Kuh macht "muh".

Mit allen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen "us" der Welt . . .