Nachdem es die Luftfahrtindustrie anscheinend noch schwerer getroffen hat als die Kultur, steht der gerne auf sein Pilotendasein hinweisen lassende Daniel Harding nun wieder einem Orchester vor, statt im Cockpit vor Instrumenten zu sitzen. "Boarding Time" überschreibt das Wiener Konzerthaus den Auftritt mit den Wiener Philharmonikern, hoffend, dass es der Auftakt zu wieder einkehrender größerer Normalität sei. Alle anderen Luftfahrt-Metaphern sind derweil negativ belegt, von Bruchlandung bis Blindflug. Nichts dergleichen an in diesem Mahler-Abend: weder in der Ersten Symphonie noch im Adagio der Zehnten. Nur ein bisschen Autopilot vielleicht.

Entzückende Erste Geigen

In der Ersten entzückten die herrlichen Ersten Geigen - stets zurückhaltend, zart und punktuell zupackend. Welch Kontrast zu den eher mit Dezibel als Geschmeidigkeit prunkenden Holzbläsern. Musikalisch plätscherte alles auf hohem Niveau dahin, unaufgeregt und gelassen, Mahler sich selbst überlassend. Das funktioniert, zumal der Komponist ein eventuelles Einnicken des Publikums mit scheppernden Schlusspassagen unterbindet. Und die Musiker haben - unter anderem - auf die Pauke gehaut, als wären sie gottfroh, endlich wieder richtig laut sein zu dürfen vor Publikum. Das Adagio der Zehnten, diese schwärzeste, zerrissenste unter Mahlers Musiken, erwies sich als erstaunlich entspannt, rund, gefällig, freundlich. Wie eine Nachmittagsbootsfahrt auf dem Styx, mit Häppchen. Als wär’s das Adagietto.