"Uns geht langsam die Luft aus", schlug Konzerthaus-Chef Matthias Naske Mitte 2020 Alarm. Mittlerweile hat sich die Covid-bedingte Finanzkrise entspannt: Das Haus, dessen Tore seit 19. Mai wieder geöffnet sind, dürfte mit schwarzen Zahlen durch die Saison kommen, erzählt Naske. Im Interview stellt er auch Highlights der nächsten Spielzeit vor - und scheint einer Verlängerung seines Vertrags über 2023 hinaus nicht ganz abgeneigt.

"Wiener Zeitung":Sie haben im Vorjahr eine Finanz-Katastrophe für das Konzerthaus befürchtet. Wie stehen die Dinge heute?

Matthias Naske: Wenn wir in den nächsten zehn Wochen unser geplantes Programm spielen dürfen, endet die Saison mit einem ausgeglichenen Ergebnis. Die Vormonate glichen einer Hochschaubahn, auch darum, weil manche Fördertöpfe weniger zahlungskräftig waren als angekündigt. Zum Beispiel der Umsatzersatz: Wir haben ihn für November erhalten, nicht aber für Dezember; das waren einmal 800.000 Euro. Zum Vergleich: In einem starken Monat setzen wir 2,8 Millionen Euro um. Was uns den Kopf gerettet hat, war die Kurzarbeit. Wir alle haben sie monatelang eingehalten, vom Vorstand bis zum Portier. Auch die Großzügigkeit privater Förderer hat uns geholfen.

Die Öffnung wurde relativ kurzfristig angekündigt, gemessen an den Vorlaufzeiten der Kulturwelt. Können Sie noch genug Karten für den Saison-Rest verkaufen?

Aus der Situation ergeben sich schon Herausforderungen. An einem einzigen Tag in der Vorwoche hat unsere Kassa 1.000 E-Mails bekommen - teils mit individuellen Bitten, teils wegen der gesetzeskonformen Personalisierung der Karten. Das ist nicht von schlechten Eltern. Aber wir haben am 19. Mai, im Rahmen der Möglichkeiten, mit einer schönen Auslastung begonnen. Was uns hilft: Wir verschieben neu disponierte Termine oft nur um ein paar Tage.

Sie spielen ausnahmsweise bis Ende Juli, ist die Kundschaft da nicht auf Urlaub?

Das macht uns kaum Probleme. Unser System ist ja sehr kundenfreundlich. Seit Beginn der Krise gilt bei uns die Regel: Wer Karten bucht, aber dann keine Zeit für das Konzert hat, kann sich das Geld refundieren lassen. Eine außergewöhnliche Situation erfordert hohe Flexibilität, wobei dieses Prinzip natürlich nicht zu einem Laisser-faire verleiten soll.

Aufgrund der Abstandsregeln dürfen Sie momentan nur 50 Prozent der Karten verkaufen. Wirft das neue Finanz-Probleme auf?

Sicher. Aber es wird zum Teil dadurch kompensiert, dass wir dasselbe Programm mehrfach spielen, zum Teil verhandeln wir mit Ensembles über ein Entgegenkommen bei der Gage.

Rechnen Sie damit, dass ab Herbst wieder voll besetzte Säle gestattet sind? Gehen Sie für die nächste Saison mit einer 100-prozentigen Kapazität in den Verkauf, wie der Musikverein?

Ja. Ich baue darauf, dass die Gesellschaft vernünftig genug ist, diese Pandemie in Schach zu halten. Falls es doch anders kommen sollte: Wir haben während der vergangenen Monate gelernt, Programme kurzfristig zu adaptieren - öfters, als uns lieb war. Flexibilität ist eine hohe Währung, das nehmen wir als Erkenntnis aus der Krise mit.

Was hat Sie die Pandemie noch gelehrt?

Corona war in erster Linie ein schreckliches Drama, keine Frage. Aber es hat uns auch neue Einsichten gebracht. Ich bin heute achtsamer und für jede echte Begegnung in meinem Leben dankbar. Diese Wertschätzung empfinde ich heute deutlich stärker - wohl, weil sie nicht mehr von jenem irren Trubel überdeckt wird, der uns bis zum März 2020 angetrieben hat.

Viele fürchten weiterhin eine Infektion. Wie zerstreuen Sie diese Bedenken bei Konzerthaus-Gästen?

Erstens durch unser Präventionskonzept. Zweitens gilt nun beim Eingang: Die Überprüfung der Virus-Atteste findet bewusst draußen statt, die Ticketkontrolle erst danach drinnen. Es kommen nur Menschen herein, die die 3G-Regel erfüllen. Da sind wir auch backstage konsequent - weil ich versprechen möchte, dass von unserem Haus keine Gefahr ausgeht. Ich denke überhaupt, dass sich die Situation jetzt langsam entspannt.

Welche Highlights hat die nächste Saison parat?

Aus den großen Gastspielen ragen zwei hervor: Die liebevoll gestaltete Residenz des Mariinsky Orchesters mit Valery Gergiev und der Sibelius-Zyklus mit der Osloer Philharmonie und ihrem Chefdirigenten, dem 25-jährigen Klaus Mäkelä. Er ist auch einer unserer Porträtkünstler, wird bei den Wiener Symphonikern debütieren und in seiner Rolle als Cellist in einem Kammerkonzert auftreten. Ein weiteres Porträt widmen wir dem Cellisten Gautier Capuçon, der unter anderem mit den Wiener Philharmonikern spielen wird und im Duo mit Yuja Wang. Auch die vielfältige Singer-Songwriterin Mira Lu Kovacs erhält einen Schwerpunkt und das Hagen Quartett mit einem chronologischen Schostakowitsch-Zyklus. Im Klavierbereich bleibt kein Wunsch offen mit Grigory Sokolov, Ivo Pogorelich, Daniil Trifonov, Arcadi Volodos, Khatia Buniatishvili . . .

. . . apropos Klavier, Jazzpianist Stefano Bollani kommt auch. Ein Debüt?

Ja, er besucht uns zweimal im Jahr 2022. Und Trompeter Wynton Marsalis wird seinen 60. Geburtstag auf unserer Bühne feiern. Was mir ebenfalls am Herzen liegt, sind die "Konzerthaus Scouts". Das ist kein Programm-Highlight, sondern eher ein Experiment. Das Ziel: Ausgewählte Freunde unseres Hauses sollen Neulinge, womöglich aus anderen Gesellschaftsschichten, zu einem Besuch mitnehmen. Wir denken, die glaubwürdigsten Promoter sind unsere Stammgäste - und hoffen, die soziale Durchlässigkeit mit dieser Aktion weiter zu erhöhen.

Ihr Vertrag läuft bis zum Sommer 2023. Haben Sie schon über die Zukunft nachgedacht?

Dazu kam ich noch nicht wegen der vielen Arbeit. Der nächste wichtige Schritt für das Haus ist die Neuwahl eines Präsidenten im Dezember. Das Mandat von Christian Konrad, dem ich sehr dankbar bin, läuft wegen einer Altersklausel im Frühjahr 2022 aus. Was mich betrifft: Ich bin gelassen. Eigentlich habe ich mir vorgenommen, nirgends zu lange zu bleiben. Andererseits fühle ich mich pudelwohl in diesem Haus, die Arbeit macht Freude, und wir haben hier noch wahnsinnig viel vor.