Zugegeben: Nicht jeder kann mit György Ligetis "Atmosphères" etwas anfangen. Manchen erinnert der Klassiker der Avantgarde gar an ein Krankheitsbild. "So stell’ ich mir Corona vor. Erste Fieberschübe, Husten steigt auf", tönte Peter Klien jüngst in der Ö1-Reihe "Die Klien-Brüder - Neue Musik im Härtetest". Die Sendung bietet dem scharfzüngigen ORF-Komödianten und seinem ungleich kundigeren Bruder Volkmar, seines Zeichens Komponist, eine Arena zum tabulosen und erhellenden Meinungsaustausch über die sogenannte "Neue Musik". Am nächsten Dienstag wagt sich das Duo mit der Show erstmals live vor Publikum ins Wiener Radiokulturhaus.

"Wiener Zeitung": Einer von Ihnen beiden ist Komponist geworden, der andere hat mit Neuer Musik bis heute wenig am Hut. Haben Sie sich als Kinder um die Stereoanlage gezankt?

Peter Klien: Nein, wir hatten getrennte Zimmer.

Volkmar Klien: Und unsere Geschmäcker waren nicht sehr unterschiedlich. Wir hörten Beatles-mäßige Lieder, unsere Eltern Klassik. Zum 50er unseres Vaters haben wir Schuberts Sonatine in D-Dur gespielt, Peter am Klavier, ich an der Geige.

Peter: Das war allerdings mit leichtem Druck verbunden.

Wie kam es zur Sendereihe auf Ö1?

Volkmar: Die Musikredaktion hat mich kontaktiert und gebeten, ich solle auch meinen Bruder fragen. Sie wollten etwas Neues probieren.

Peter: Ich fand’s reizvoll, weil es so gar nichts mit dem zu tun hat, was ich bisher gemacht hab.

Sie, Peter Klien, halten auf Sendung nicht mit Ihren Eindrücken als Avantgarde-Neuling hinterm Berg. Ein Quartett von Helmut Lachenmann klang für Sie nach "Verkehrsunfall in der Gänsefarm". Gab es dafür böse Hörerreaktionen? Und grollte der Bruder?

Volkmar: Also ich kann mit Ansagen wie "Was soll das?" viel mehr anfangen als mit feingeistigen Diskussionen, die die üblichen Versatzstücke der Kunst- und Musiktheorie bedienen. Mir gefällt es, wenn jemand einen ganz schiefen Ball herbeizaubert und man in der Rolle des Liebhabers zur Verteidigung der Neuen Musik ausreiten muss.

Peter: Ich bekomme von Ö1 mit, dass die positiven Reaktionen überwiegen. Auch privat erhalte ich überraschend viele erfreuliche Rückmeldungen.

Volkmar: So ein Feedback bekomme ich auch an der Anton Bruckner Universität, an der ich arbeite. Dass endlich einmal kein Weihrauch bei dem Thema im Spiel ist.

Es gehört zum Konzept der Sendung, dass der eine von Ihnen betont uninformierte, unbotmäßige Äußerungen beisteuert. Sind Sie, Peter Klien, jetzt eine Art Ali G für Bildungsbürger?

Peter: Könnte man so sehen. Wobei die Frage ist, ob "Bildungsbürger" ein Schimpfwort ist. Aber je mehr die Bildung in unserer Gesellschaft erodiert, desto mehr kann man das Wort wohl mit positiven Gefühlen belegen.

Sie vergeben am Ende jedes Beitrags Härtepunkte, im Höchstfall zehn. Welches Stück war bisher der "Sieger"?

Volkmar: Ich bin mir nicht ganz sicher, vielleicht Luciano Berios "Sequenza" für Violine solo.

Peter: Das hab ich am schiachsten gefunden.

Dabei betrachten Sie "Härte" ganz unterschiedlich. Sie, Volkmar, empfinden das durchaus als Qualität - Sie, Peter, eher weniger.

Peter: Ja, ich sehe es von dem Aspekt her: Welche Musik geht halbwegs gut ins Ohr, bei welcher legt sich die Ohrmuscheln von selbst zu? Das ist meine Definition.

Sie erklären auf Sendung auch ein paar bekanntere Fachbegriffe, zum Beispiel "revidiert" als "noch besser gemacht". Aber wissen das die Ö1-Hörer nicht sowieso? Sollten Sie sich damit nicht lieber an Uninformierte wenden?

Volkmar: Das Publikum von Ö1 weiß vieles; trotzdem ist der Anteil derer, die sich in der Neuen Musik heimisch fühlen, kleiner als man glaubt. Außerdem denke ich, dass unerklärte Fachbegriffe immer Barrieren schaffen, die sich leicht vermeiden lassen. Kunstvermittlung sollte ein Thema nicht blöder machen, als es sein muss, aber auch keinen halben Millimeter schwieriger als nötig.

Peter: Ich denke, dass man in der Ö1-Gemeinde neues Interesse für diese Musik wecken kann, ich glaube, wir sind da gut aufgehoben. Ich wäre unsicher, ob man uns auf Ö3 mit offenen Armen empfangen würde.

Warum boomt zeitgenössische Malerei, während die Neue Musik in der Nische steckt? Weil die Ohren kulinarischer arbeiten als Augen?

Volkmar: Die Neue Musik - also die mit dem großen "N" - ist für mich eine, die sich mit einem forschenden Hören befasst, mit dem Nachdenken über Musik. Damit grenzt sie sich - nicht als Negation, aber doch - von anderen Formen ab. Es gibt dafür keinen Markt, und es stört. Das Gemälde an der Wand, selbst wenn es aus geschüttetem Blut besteht, ist letztlich eine Tapete, die man in aller Ruhe nicht sehen kann. Musik ist immer sofort Lärm, wenn man sie nicht hören will. Das ist so eingebaut in das System Mensch.

Bei Ihrem Auftritt im Radiokulturhaus wird das Radio-Symphonierochester Wien live spielen. Haben Sie Angst, die Musiker könnten sich von den flapsigen Kommentaren beleidigt fühlen?

Peter: Das Einzige, was ich mir erbeten habe, ist, dass kein Komponist anwesend ist. Da hätte ich körperlich Angst vor etwaigen Reaktionen.

Und das Orchester?

Volkmar: Das RSO wird nicht in seiner vollen Besetzung spielen, aber man muss natürlich sagen: Die sind mehr als wir. Wir werden freundlich zu den Musikern sein.

Die Show wird 90 Minuten dauern, deutlich länger als Ihre Sendungen. Da ginge sich ein ganzes Stück des wiederholungsverliebten Morton Feldman aus, über dessen Musik der Satz fiel, man müsse dem Pianisten "alle zehn Minuten Kaffee verimpfen". Graut ihnen schon, Peter Klien?

Peter: Ich erinnere mich, dass diese Musik für mich auch reizvoll war. Mir graut vor gar nichts, ich freue mich auf neue Hörerfahrungen.