Seine Wurzeln liegen in Osteuropa, seine Wiege stand in Wien, sein Haus hat er in Kalifornien und einen weiteren Wohnsitz in Südafrika: Nur wenige kennen die Lebenswirklichkeiten auf den verschiedenen Kontinenten besser als Lukas Ligeti (55). Der Sohn des legendären Komponisten György Ligeti (1923-2006) hat sich längst selbst als Tonsetzer und Perkussionist einen Namen gemacht. Nun hat er sich erstmals mit seinen jüdischen Wurzeln befasst und die Musik auf dem Album "That Which Has Remained . . . That Which Will Emerge . . ." (col legno) vorgelegt. Im Interview spricht Ligeti über das Projekt in Polen, seine Gratwanderungen zwischen Pop- und Klassikwelt und nicht zuletzt die Gefahren der Identitätspolitik, die den Zusammenhalt der Gesellschaft ernsthaft bedrohe.

"Wiener Zeitung":Sie leben nun schon lange in den USA. Wie kam es zu dem Musikprojekt in Polen?

Lukas Ligeti: Per Zufall. Ich bekam eine Mail, die ich weder verlangt noch angefordert hatte. Das jüdische Polin Museum in Warschau schrieb, dass man sich für sein Artist-in-Residence-Programm bewerben könne. Ich habe gleich eine Idee geschickt.

Ihr Projekt besteht nicht nur aus Musik: Sie haben Zeugen des jüdischen Lebens in Warschau interviewt, diese Menschen reden und Lieder singen lassen. Hatten Sie kein Problem mit der Sprache?

Ich beherrsche kein Polnisch, ich habe bei den Interviews englisch geredet. Die Ausnahme: Henryk Prajs, damals mit 98 der älteste noch lebende Jude in Polen und mittlerweile leider verstorben, sprach kein Englisch. Ich redete deutsch, er jiddisch, irgendwie konnten wir einander verstehen. Und ich hatte eine Übersetzerin.

Sie ließen diese Interviews dann in Ihre Uraufführung einfließen: Die Musiker bekamen per Kopfhörer Passagen zugespielt und improvisierten teils darüber; auch das Publikum durfte singend mithelfen, einen musikalischen Erinnerungsraum zu errichten. Wie neu war das für Sie? Sie haben schon öfter Improvisation und Komposition gemischt.

Ja, ich konnte hier auf einigen Arbeiten aufbauen. Aber das Thema selbst war für mich absolutes Neuland. Ich habe mich zum ersten Mal künstlerisch mit der jüdischen Geschichte beschäftigt, was ja auch mit meiner eigenen Familienhistorie zu tun hat.

War das auch schmerzhaft für Sie?

Nicht wirklich. Ich gehe prinzipiell von der Haltung aus, dass ich ein Individuum bin. Ich verkörpere nur mich - nicht das Judentum an sich aufgrund meiner Abstammung. Es war mir für mein Projekt auch nicht wichtig, ob meine Gesprächspartner Jüdinnen und Juden waren, sondern ob sie etwas Interessantes zu der Geschichte und dem Leben der Juden in Warschau zu erzählen hatten. Ich empfinde die Idee, dass man ständig auf eine gewisse, besondere Identität pochen muss und daraus spezielle Schlüsse zieht, als etwas hochtrabend und zum Teil als opportunistisch. Identitätspolitik ist für mich ein völlig verfehlter Ansatz.

Erklären Sie das bitte etwas genauer.

Es ist ein ganz großes Problem, das wir momentan gesellschaftspolitisch durch die Identitätspolitik bekommen haben. In Amerika fängt es an, den sozialen Zusammenhalt zu zerstören. In Europa ist es noch nicht so weit gediehen, doch es wird schön brav übernommen. Als jemand, der lange in Afrika gelebt hat, kann ich nur eine starke Warnung aussprechen: Es ist eine ganz schlechte Idee, Menschen auf der Basis ethnischer Eigenschaften zu betrachten oder aufgrund intersektional bestimmter Identitätskategorien.

Es ist zum Beispiel ein Irrtum, wenn man bei der Betrachtung betender Juden in der Synagoge glaubt: Die denken jetzt alle an dieses oder jenes aus der Tora. Wir wissen es nicht! Es ist garantiert so, dass jede Einzelperson ihre ganz eigenen Gedanken hat. Ich arbeite auch viel in Afrika; dort stellen Außenstehende gewisse Mutmaßungen an. Zum Beispiel, dass dort alle Musik kollektiv ist. Aber was weiß man? Jedes Individuum kann ganz anders über Traditionen und Umstände urteilen. Natürlich denke ich daran, dass mein Onkel im Alter von 15 Jahren in Mauthausen vergast worden ist. Aber es ist nicht so, dass mir das dauernd auf dem Gemüt liegt, wenn ich an einem Projekt arbeite.

Das Herumreiten auf Identitätskonzepten zerstört also mehr, als es hilft?

Es ist ein ganz gefährliches Phänomen, wobei sich das rechts- und das linksextreme Lager eigentlich kaum unterscheiden. Beide sprechen fanatisch über Identität und sind von Wut und Frustration getrieben, ohne eine gangbare Alternative zu liefern. Das war schon bei Occupy Wall Street so, einer destruktiven Protestbewegung. Worauf soll das hinausführen?

Auch die Musikwissenschaft ist in den Strudel dieser Denkart geraten und zur Zielscheibe für die Kritik an der "White Supremacy" geworden. Notenschrift wurde als "rassistisch" kritisiert.

Eine völlig absurde Idee. Hier werden Analogien zwischen wesensfremden Dingen hergestellt und Hintergedanken in alte Traditionen projiziert: eine ideologische Manipulation. Was dahinter steht, ist der Versuch eines postkolonialistischen Denkens. Es vergleicht europäische mit außereuropäischen Kulturen - und beleidigt die Letzteren dabei eigentlich.

Warum?

Afrikanische Kulturen sind es wert, für sich studiert zu werden - nicht in einem Vergleich mit dem Westen, bei dem dieser schließlich für weniger gültig erklärt wird. Außereuropäische Kulturen können sich selbst behaupten. Diese postkolonialistische Argumentation leistet tatsächlich das Gegenteil von dem, was sie will.

Zurück zu Ihnen: Sie arbeiten nicht nur an verschiedenen Orten, sondern auch in diversen Genres - zum Beispiel mit der Popband Burkina Electric aus Burkina Faso. Geht es Ihnen als Künstler stark um den Kontrast? Oder versuchen Sie letztlich, mit einer Handschrift in verschiedenen Stil-Regionen zu arbeiten?

Eher Letzteres. Mich interessieren gewisse künstlerische Fragen, die ich in verschiedenen Umgebungen bearbeite. Ich mische aber auch gern die Kontexte. Ich habe zum Beispiel 2016 eine Suite komponiert für Burkina Electric und das MDR-Sinfonieorchester, um die Spannung zwischen den verschiedenen Ansätzen dieser Ensembles auszuloten. Man kann so ein Projekt trivial umsetzen und das Orchester nur Streicheruntermalung beisteuern lassen. Das habe ich bewusst vermieden: Es ist eher eine Art Concerto grosso geworden und für beide Gruppen künstlerisch interessant. Ich habe jetzt den Auftrag, für die Suite einen weiteren Satz zu schreiben. Im November soll die Uraufführung mit den Brüsseler Philharmonikern stattfinden, wenn Covid es erlaubt.

Wie viel konnten Sie während der Corona-Pandemie reisen?

Fast gar nicht. Ich bin wie alle daheim gesessen, in meinem Fall in Süd-Kalifornien. Es wurde für mich aber dadurch sehr viel erträglicher, dass ich Vater geworden bin und das erste Jahr meines Sohns direkt miterleben konnte. Für die Zukunft plane ich einige Änderungen, ich möchte mehr Zeit in Europa und Afrika verbringen. Mal sehen, was das "new normal" nach Covid sein wird.