Fast ein halbes Jahrhundert setzte der Mailänder Maurizio Pollini, der vor 60 Jahren das erste Mal im Musikverein spielte, den technischen Standard. Sein granitartiges Spiel entschlackte romantisches Repertoire und bot sprachlos machende Röntgenaufnahmen zeitgenössischer Werke. Diesen Samstag war er wieder im Goldenen Saal zu erleben und schon vor dem Konzert stellte sich die Frage, was bei einem so von überragender Fingerfertigkeit geprägten Stil mit 79 Jahren noch durchblitzt.

In den besten Momenten ist das eine ungeheure Zärtlichkeit, mit denen feingesponnene polyphone Schumann’sche Klänge in der Arabeske Op.18 aus Pollinis Steinway aufsteigen. Aber nicht alles klappt so, wie sich der Großmeister das wünscht: Im zweiten Satz von Schumanns Fantasie C-Dur Op.18 und in der b-Moll-Sonate von Chopin zeigte sich etwas wie ein Zersetzungsprozess auf allerhöchstem Niveau. Auch, weil Pollini dem Alter seiner Finger keine Zugeständnisse zu machen bereit scheint. So attackierte er diese Fantasie mit grollendem Schwung, entschlossen, mitbrummend. Ausrutscher schienen ihn sichtlich zu ärgern.

Das war nicht mehr höchstes pianistisches Niveau, aber welch ein Unterschied zu dem vor wenigen Wochen heruntergeschluderten Beethoven des zehn Monate jüngeren Kollegen Barenboim an gleicher Stelle! Die Berceuse op.57 erinnerte an Pollinis sagenhaft gleichmäßigen Anschlag; die Polonaise Héroïque glich einer Zugabe auf ein unglaubliches Leben für die Musik. Dankbarkeit schwang mit, als sich der Saal erhob und Pollini mit stehenden Ovationen verabschiedete.