Seit einigen Jahren macht ein kleines Wort große Karriere. "Das stimmt nicht!" Sagt heute fast keiner mehr. Sondern: "Das stimmt so nicht." Und man gibt auch ungern zu, etwas noch nicht erlebt zu haben. Nein, man hat es so noch nicht erlebt. Klingt gleich viel weltmännischer.

In einem Fall hat der So-Aufputz allerdings seinen Sinn. Nämlich, wenn sich ein musikalischer Feuerkopf eine abgegriffene Partitur vorknöpft. "Das hat man so noch nicht gehört!" Stimmt tatsächlich für das neue Album von András Schiff, der sich in der Doppelrolle des Dirigentenpianisten durch die Notenberge von Johannes Brahms pflügt.

András Schiff Brahms - Piano Concerts (ECM)
András Schiff Brahms - Piano Concerts (ECM)

Wie so oft: Wo Vertrautes "org" klingt, steckt Originalklang dahinter. Schiff lässt sich in den zwei Klavierkonzerten von historischen Instrumenten eskortieren, hat die Besetzung (Orchestra Of The Age Of Enlightenment) auf die Brahms-zeitigen rund 50 Köpfe verknappt und sich selbst von der Klangdiät nicht ausgenommen. Adieu, fülliger Konzertflügel! Schiff hat sich einen Blüthner-Kasten des Jahres 1859 ausgraben lassen - so klangtrocken, dass man das Alter blind erkennt. Und das Orchester? Der gewohnte Brahms-Speckglanz hat sich buchstäblich verdünnisiert.

Hagen Quartett Kirill Gerstein Brahms (myrios classics)
Hagen Quartett Kirill Gerstein Brahms (myrios classics)

Allerdings: Die Klang-Kilos purzeln dann nicht so sehr, dass schließlich eine Slimfit-Romantik zum Vorschein käme. Ginge auch gar nicht. Brahms’ Akkord-Klotze lassen das nicht zu, seine dichten Strukturen und schroffen Attacken ebenso wenig. Und vor allem: Auf diese Rufzeichen sind Schiff und sein Rumpfteam erpicht, leisten ihnen nach Kräften Vorschub. Resultat ist ein seltsam inhomogenes Klangbild, das mit kratzbürstigen Streichern und apokalyptischem Blech auf Teufel komm raus nach Kontrastwirkungen sucht und dabei immer wieder durch die gefühlte Decke der Intensität kracht. Ist zwar "kleiner" anzuhören als der handelsübliche Brahms aus dem CD-Regal, aber schärfer, bissiger. Wie ein Pitbull im Vergleich mit einem Bernhardiner.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Der Vorteil der Kleinbesetzung natürlich: die Wendigkeit. Es liegt bisweilen nur ein Wimpernschlag zwischen einer Weltuntergangsfanfare und einem Holzbläseridyll, und diese Quecksilbrigkeit funkelt auch aus Schiffs Spiel furios. Dennoch: Eher ein Hörabenteuer als eine Reverenzaufnahme.

Ein anderes Credo beherzigt das Hagen Quartett auf seiner Brahms-Aufnahme und hat sich dafür die rechten Stücke gewählt: Was wichtig genommen werden will, muss nicht zwangsläufig mit drei Rufzeichen beladen werden. Die Hagens - so zusammengeschweißt in ihrem Spiel, als würde ein achtarmiger WunderKrake allein auf allen Instrumenten fideln - beschreiten den Weg einer sublimen Intensität, lassen Bedeutsamkeit gern aus einem Wispern keimen, Dringlichkeit aus einem Flackern der Lautstärke. Und wenn sie dann doch in Brahms’ dunkler Glut schwelgen, sind diese Höhepunkte aus einem runden Gesamtklang modelliert. Das ist (hier im dritten Brahms-Quartett und dem Klavierquintett in f-Moll mit Kirill Gerstein) so berückend anzuhören, dass man nur inständig auf einen Ersatz-Termin für das ausgefallene Konzert der vier gemeinsam mit dem US-Pianisten im Wiener Konzerthaus hoffen kann.