Die Geschichte von Leyla und Medjnun gilt als berühmteste Liebeserzählung des Orients. Der deutsche Komponist Detlev Glanert verwendete das Epos des mittelalterlichen persischen Dichters Nizami als Vorlage für sein "Märchen für Musik", das er 1988 komponierte und 2016 einer Bearbeitung unterzog. Detlev Glanert, Schüler von Hans Werner Henze, teilt mit seinem Lehrer das Gespür für packende Opernstoffe, das für wechselnde Stimmungen bewusst eingesetzte Spiel mit Klangfarben und eine gemäßigt moderne Ästhetik. In der mittlerweile vierten Volksopern-Produktion eines zeitgenössischen Werks im Kasino am Schwarzenbergplatz hat der 60-jährige Komponist die sorgfältige Einstudierung seines Musiktheaters durch den Dirigenten Gerrit Prießnitz begleitet.

Von Schrift bedeckt: Alexander Pinderak als Medjnun. - © Philine Hofmann
Von Schrift bedeckt: Alexander Pinderak als Medjnun. - © Philine Hofmann

Die Regisseurin Ruth Brauer-Kvam versteht es gekonnt, die Geschichte leicht nachvollziehbar zu erzählen und die zahlreichen Bedeutungsebenen poetisch zu transportieren: Die Entwicklung dieser leidenschaftlichen, symbiotischen jungen Liebe hin zu einer Liebe in erzwungener Isolation, die ausschließlich auf Sehnsucht beruht und die beiden Liebenden auf unterschiedliche Weise in den Wahnsinn treibt, ist zutiefst traurig: Leyla verzweifelt an ihrer Liebe zu Medjnun, während er sich in einen Propheten der Liebe verwandelt und unaufhörlich schreibt.

Nur ein Oud

In der Shabby-chic-Atmosphäre des Kasinos spielen die 13 Musikerinnen und Musiker auf einem Mosaik an Teppichen (Ausstattung: Monika Rovan). Das Publikum blickt von der kleinen Tribüne auf das Geschehen, durch das der Erzähler Nicolaus Hagg mit klaren Worten führt, begleitet von der Oudspielerin Özlem Bulut - die persische Kurzhalslaute ist das einzige orientalische Instrument des Ensembles. Leyla (sehr präsent: Mara Mastalier) und Medjnun (stimmlich überzeugend: Alexander Pinderak) kommunizieren mit Gesten, Blicken, Bewegungen und in der Musik: Der jungen Frau sind die Streicher zugeordnet, ihm die Bläser.

Glanert bleibt in der Behandlung der Stimmen ganz der europäischen Operntradition verhaftet, und kombiniert dennoch in seiner Komposition die unterschiedlichen Musiktraditionen. Orient und Okzident erscheinen in dieser Produktion weder als gegensätzliche Welten, noch als ein Kosmos, sondern vielmehr als eine heterogene Beziehungskonstellation, in der unterschiedliche Kulturen, Philosophien und Religionen neben- und miteinander existieren.

Rituale und Gebärden

Die erste Szene findet in der Schule statt, hier werden Buchstaben gelernt, und damit zieht das Schreiben, die fixierten Gedanken in die bis zu diesem Zeitpunkt heile Liebeswelt ein. Die Mitschüler wenden sich ab, die Eltern verbieten die Verbindung, die beiden Liebenden werden mehr und mehr isoliert. Regisseurin Ruth Brauer-Kvam ergänzt die präzise choreografierten, ritualhaften Bewegungsabläufe mit Botschaften in Gebärdensprache. Diese wirken vertraut und doch fremd, als ornamentale Verzierungen und gleichzeitig als Codes. Mehrdeutig sind auch die langen Stoffbahnen in Weiß und Rot zu verstehen: als Schleier, als Schutz, als Versteck oder als Blutstrom.

Medjnun schreibt in der Verbannung immer mehr und exzessiver, bis zum Schluss auch seine Haut mit Schriftzeichen bemalt ist. Er rettet ein Reh (mit bizarren Bewegungen: Johanna Arrouas), Leyla schickt einen Vogel zu ihm, die Liebe manifestiert sich darin, findet aber keine Entsprechung im Leben. Günter Haumer versucht als Medjnuns Vater, diesen zur Vernunft zu rufen, Mehrzad Montazeri ist der Bräutigam, den Leyla anstelle von Medjnun nehmen soll. Denn die Geschichte endet im Krieg, den Medjnun angezettelt hat. Als Prophet der Liebe wird er als Verrücktgewordener angesehen, Fahnen mit Schriftzeichen werden geschwungen - kalligrafische Mitteilungen, Schriftrollen werden ausgebreitet, Worte sind jetzt zu Waffen geworden.