Dass eine Streaming-Serie zur kulturellen Weiterbildung beiträgt, kommt nicht alle Tage vor. Noch dazu eine von Amazon Prime. Zwar nicht mit Anliegen wie der Glorifizierung von Gustavo Dudamel, der wohl Modell gestanden ist für den südamerikanischen Star-Dirigenten in "Mozart in the Jungle", und noch weniger mit der Gendergerechtigkeit, die man mit einem Körnchen Böswilligkeit ins genaue Gegenteil des wohlgemeinten Anliegens verkehren könnte (weil die Frau nur über das Bett des großen Dirigenten ihre Chancen bekommt), aber in einem Zusammenhang fällt der Name einer Komponistin: Vitěslava Kap-irgendwas. Die Suche dauert nur kurz, dann stößt man auf die Tschechin Vitěslava Kaprálová.

Zugegeben: nie gehört, den Namen. Am 24. Jänner 1915 in Brünn geboren, am 16. Juni 1940 in Montpellier gestorben. Ja, tatsächlich: Sie war erst 25 Jahre alt bei ihrem Tod. Auf CD nichts Greifbares, obwohl sie 50 Werke hinterlassen und (man bedenke neben dem Geschlecht das jugendliche Alter) die Tschechische Philharmonie das BBC Symphony Orchestra dirigiert hatte. Seltsam. Das tschechische Label Supraphon hat selbst in Zeiten des Kommunismus so ziemlich alles Tschechische aufgenommen und, wenn ideologisch notwendig, Regimeskeptiker wie etwa Bohuslav Martinů umgeschwindelt in Sympathisanten.

Die tschechische Komponistin und Dirigentin Vitěslava Kaprálová starb im Alter von nur 25 Jahren. Dennoch hinterließ sie rund 50 Werke. - © Urheber unbekannt
Die tschechische Komponistin und Dirigentin Vitěslava Kaprálová starb im Alter von nur 25 Jahren. Dennoch hinterließ sie rund 50 Werke. - © Urheber unbekannt

Wenn das Geschlecht
keine Rolle spielt

Das nährt die Vermutung, die Kaprálová könnte ein Fall von falscher Gendergerechtigkeit sein, also eine Komponistin, die man ins Spiel bringt, weil sie eine komponierende Frau mit obendrein beklagenswertem Schicksal war, nicht weil ihre Musik bedeutend ist. Aber die eben erschienene CD auf dem Label Naxos belehrt eines Besseren: Die Kaprálová verfügte über eine außerordentliche Begabung, in ihren Werken lodert das Feuer der Genialität.

Wieso das nicht aufgeführt, wieso das nicht von führenden Orchestern und Musikern gespielt und aufgenommen wird?

Eine Spurensuche tut not - und das Ergebnis ist eindeutig: Bei der Herstellung einer gendergerechten Klassikszene ist gehörig der Wurm drin.

Im gegenwartskonzentrierten Sprint nämlich versucht man auszugleichen, was im musikgeschichtlichen Marathon falsch gelaufen ist: Die Förderung von Komponistinnen führt freilich bis jetzt lediglich zur Erkenntnis, dass Frauen ihren männlichen Kollegen in der Herstellung avantgardistischer Missklänge ebenbürtig sind - und dass sich Begabungen geschlechtsunabhängig durchsetzen. Das immerhin ist ein Gewinn.

Drei Beispiele mit Österreich-Bezug: Die brillant begabte Johanna Doderer hat im traditionellen Segment einige der bühnentauglichsten Opern der Gegenwart und manch ausdrucksgewaltige Kammer- und Orchestermusik geschrieben. Olga Neuwirth beweist, dass eine avancierte Ästhetik auch klangsinnliche Ergebnisse zeitigen kann. Judit Varga wandelt virtuos zwischen beiden Sphären und gewinnt aus der Verschmelzung vielgestaltige Klanglandschaften.

Keine dieser drei Komponistinnen braucht eine programmatische Gendergerechtigkeit, um sich durchzusetzen. Auch bei ihren internationalen Kolleginnen wie der Finnin Kaija Saariaho, den Engländerinnen Roxanna Panufnik und Judith Weir, der Schottin Thea Musgrave, der Russin Sofia Gubaidulina, der Südkoreanerin Unsuk Chin oder der US-Amerikanerin Ellen Taaffe Zwilich käme niemand ernsthaft auf die Idee, ihre Präsenz in der Klassikszene mit irgendetwas in Verbindung zu bringen, was mit ausgleichender Geschlechtergerechtigkeit zu tun hat. Diese Frauen schreiben eine Musik, die schlicht etwas besser ist als vieles, was von ihren männlichen Kollegen kommt. Dementsprechend sind sie in den Programmen vertreten.

Wobei naturgemäß Gleiches mit Gleichem aufgewogen werden muss. Der Vergleich in der Präsenz kann nicht Wolfgang Amadeus Mozart, Giuseppe Verdi, Richard Wagner oder Gustav Mahler sein, denn über solch hochgelegte Latten kommt auch kein einziger lebender männlicher Komponist und nicht einmal einer der jüngeren Vergangenheit hinweg, wenn man diese ansetzt mit einem Geburtsdatum ab 1900.

Spurensuche in der Vergangenheit

Die Spurensuche fördert aber ein bedenkliches Ergebnis zutage, nämlich, dass der Gendergerechtigkeit in Sachen klassischer Musik der historische Unterbau fehlt, das Fundament der Tradition. Heißt: Die Komponistinnen der Vergangenheit sind nach wie vor unterrepräsentiert.

Gerade einmal die mittelalterliche Komponistin und Mystikerin Hildegard von Bingen ist im Bewusstsein verankert - aber nicht aufgrund ihrer eigentümlich faszinierenden Melodien. Die universalgelehrte Äbtissin wird einzig und allein von der Esoterikwelle getragen. Einspielungen ihrer Musik mit Synthesizer-Überzuckerungen zu Meditationszwecken sind weit häufiger als Aufnahmen des originalen Materials.

Was im Zusammenhang mit Komponistinnen mangelt, sind die Konzert-Schlachtrösser, etwas, das den B-Komponisten (Beethoven, Brahms, Bruckner) vergleichbar wäre. Das hat gewiss soziologische Ursachen. Aber es bringt der Sache wenig, eine Fanny Hensel oder eine Clara Schumann auf zu hohe Podeste zu heben, von denen ihnen nur derselbe tiefe Sturz bleibt, den auch zeitgenössische männliche Begabungen erlitten, vergliche man sie mit den Genies, etwa einem Felix Mendelssohn-Bartholdy, einem Franz Schubert, einem Robert Schumann - nicht zu reden von Wagner, Brahms oder Bruckner.

Was indessen verstört, ist, dass auch die Komponistinnen des ausgehenden 19. und die des 20. Jahrhunderts nahezu ungehört bleiben. Zumindest die Französinnen Lili Boulanger und Germaine Tailleferre müssten sich, ginge es gerecht zu, ebenso repertoirebildend neben Maurice Ravel und Francis Poulenc behaupten können wie die Britinnen Ethel Smyth und Grace Williams neben Ralph Vaughan Williams und Gustav Holst.

Der größte Verlust für das internationale Konzertleben ist indessen die Polin Grażyna Bacewicz, die mit ihren Werken ein Bindeglied geschaffen hat zwischen einem an Béla Bartók geschulten vitalen Folklorismus und der Neuen Musik. Die Bacewicz könnte ebenbürtig stehen zumindest neben ihrem Landsmann Witold Lutosławski, mit ihren besten Werken sogar neben Bartók und Igor Strawinski. Nicht aus Gründen der Gendergerechtigkeit gehört diese Musik aufgeführt, sondern aus Gründen der Qualität.

Genau so ist es mit der Kaprálová: Die Naxos-CD sollte, trotz der etwas unzulänglichen Aufführungsqualität, ein Ohrenöffner sein - und auch Konzertaufführungen anregen.

Denn was Komponistinnen in erster Linie brauchen, und worin sie sich von ihren männlichen Kollegen übrigens nicht unterscheiden, ist Qualitätsgerechtigkeit. Die Geschlechtergerechtigkeit stellt sich dann in diesem kleinen Bereich von Kunst und Kultur von selbst ein.