Arcadi Volodos eröffnete sein Klavier-Recital im Wiener Konzerthaus mit einem G-Dur-Akkord, der in seiner Fülle den Großen Saal akustisch ausmessen durfte. Gleichzeitig brachte er das Zeitgefühl aus dem Takt: Wie lang bleibt dieser Eröffnungsklang von Franz Schuberts G-Dur-Sonate D 894 im Raum stehen, wie verändert er sich im Erblühen und Absterben? Damit waren einerseits die existenziellen Grundfragen von Schuberts Werk definiert, andererseits wurden die Ohren des Publikums auf höchste Empfindlichkeitsstufe kalibriert. Sie war notwendig, um keine Nuance zu verpassen, allen Stimmen zu folgen, jeden Akkord in der Gewichtung der Einzeltöne auszukosten, kurz: das Wunder Volodos zu erleben.

Der Steinway schien im Eröffnungssatz über dem Bühnenboden zu schweben, um in der Durchführung mit wuchtigen, geerdeten Schlägen die Abgründe aufzureißen, in die Schuberts Werk entführte. Es folgte ein gesanglich erzählendes Andante, ein entrücktes Menuett mit genau phrasierten Stimmen und Gegenstimmen. Die gedehnten Zeitstränge bündelte der russische Pianist in einem straff irrlichternden Schlusssatz voll diabolischen Humors.

Darauf ein Spätwerk von Johannes Brahms: Jedes der sechs Klavierstücke op. 118 formte Volodos zu einer autarken Welt. Im herzerweichenden Erzählton, mit außerirdisch glitzernden Trillern, im unfassbarsten Pianissimo und dank Beherrschung feinster Pedaleffekte. Technische Schwierigkeiten waren nicht zu erkennen. Zugaben von Brahms, Schubert, Mompou und Skrjabin sorgten für glückseligen Applaus.