Im Wiener Konzerthaus gaben sich zwei in Leningrad geborene Klaviermagier die Klinke des Großen Saales in die Hand: Am Mittwoch spielte Arcadi Volodos ein behutsam erzählendes Schubert/Brahms-Recital, tags darauf präsentierte Grigory Sokolov Musik von Chopin und Rachmaninow - ein Programm, das er wie gewohnt ein Jahr lang in allen Konzerten spielt (heuer auch in Schörfling am Attersee, Salzburg und Taggenbrunn). Die interpretatorischen Konzepte unterschieden sich: Rund und schwebend wirkte der Klavierklang bei Volodos, bewusst gläsern und kantig bei Sokolov.

Eine Auswahl von vier Chopin-Polonaisen verkeilte der Pianist zu einer sonatenhaften Meta-Polonaise. Op. 26/1 wirkte wie ein Selbstgespräch, ein Ringen mit Argumenten im Una-corda-Bereich des Flügels. Mit
op. 26/2 schritt Sokolov aus der Introspektion hinaus ans Licht. Es folgten zwei Polonaisen mit nationalistisch-heroischer Punzierung: Die fis-Moll-Polonaise op. 44 gestaltete Sokolov mit Läufen so unsentimental zielgenau wie Präzisionsgeschosse. Die As-Dur-Polonaise op. 53 haben Monty Python als Grundlage für einen satirischen Song über Oliver Cromwell benutzt. Sokolov trieb dieser "Polonaise héroïque" auf seine Art alles Pathetische aus: Harte Dissonanzen und Angst einflößende Klangwände markierten die Radikalität von Chopins Komponieren.

Keine Nostalgie-Stunde, sondern eine erhellend nüchterne Dekonstruktion des nationalistischen Getöses. Nach der Pause fächerte Sokolov die vielschichtigen Texturen von Rachmaninows Préludes op. 23 in beglückender Klangbeherrschung auf. Großer Jubel und sechs Zugaben.