Freunde von Meeresfrüchten kennen das Problem. Da erwirbt man im Supermarkt einen Shrimps-Cocktail - und findet im Plastiktatzerl dann weit mehr Ananas-Stücke und Gemüse als Objekte seiner Begierde.

Ähnliche Enttäuschungen können Musikfans blühen, wenn sie sich zu sehr auf Werbetexte verlassen. Jüngster Anlass: Die Deutsche Grammophon hat ein Album mit Aufnahmen der Klassik-Zampanos Daniel Barenboim und Martha Argerich herausgebracht - und würdigt damit, so heißt es, den 80. Geburtstag der Letztgenannten am 5. Juni 2021.

Martha Argerich, Daniel Barenboim u. a. Claude Debussy (DG)
Martha Argerich, Daniel Barenboim u. a. Claude Debussy (DG)

Für eine Hommage ist die Frau mit der Löwenpranke hier allerdings spärlich vertreten. Nur auf den ersten drei Nummern ist die Bravourvirtuosin zugange - als Kraftzentrum von Debussys "Fantaisie" für Klavier und Orchester, im Verbund mit der Staatskapelle Berlin unter der Leitung Barenboims. Ebendieser gibt dann auf dem Rest des Albums den Ton an, wahlweise als Dirigent oder Tastenmann. Fragt sich: Hat Corona die Veröffentlichung dieser Aufnahmen aus dem Jahr 2018 verzögert - und wurde dann emsig ein neuer "Aufhänger" gesucht?

Merel Vercammen, Dina Ivanova The Boulanger Legacy (trptk)
Merel Vercammen, Dina Ivanova The Boulanger Legacy (trptk)

Einerlei. Das Album selbst ist jedenfalls keine Enttäuschung. Argerich fegt mit einer Jugendfrische und - nun ja - Prankigkeit durch die "Fantaisie", dass diese Einspielung ihren 80. Geburtstag weniger feiert als ihn widerlegt.

Fulminant auch, wie Barenboim "La mer" anlegt. Was er am Klavier an Prägnanz schuldig bleibt, liefert er als Dirigent souverän. Resultat ist eine kristallklare See mit Blick bis zum Meeresgrund und mit tanzenden Lichtern an der Oberfläche. Schön auch, dass Debussys sanfte Motorik nicht zum Aquarell verschwimmt: Hier porträtiert ein hochauflösendes Klangbild das feine Meereskräuseln. Und freilich entfesselt Barenboim zuletzt einen Wellengang, der einem die Gischt nur so um die Ohren schlägt.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Wermutstropfen sind allerdings die zwei Debussy-Sonaten dieser CD, denn da heißt der Pianist Barenboim - und der neigt zu einem recht bauschigen Timbre, was vor allem der Cellosonate zum Nachteil ausschlägt. So schön der Österreicher Kian Soltani sein Cello zum Glühen bringt: Die Keckheit des Mittelsatzes erschließt sich dem Ohr eher nicht. Kurzum: Etwas mehr Argerich hätte dem Album gutgetan - auch künstlerisch.

Ein ertragreiches Konzept haben die Geigerin Merel Vercammen und die Pianistin Dina Ivanova ausgeheckt: Das klangschöne, homogene Duo hat sich auf die Spuren der Schwestern Boulanger geheftet. Da ist zum einen die früh verstorbene Lili Boulanger (1893-1918): Als erste Trägerin des Rom-Preises überhaupt schrieb sie Musik mit hohem Ohrwurmfaktor und Lust an den Skalenabenteuern des Impressionismus. Zum anderen ihre Schwester Nadia (1887-1979), die weniger als Komponistin denn als Lehrer-Legende in die Geschichte einging und Herren wie Aaron Copland und Astor Piazzolla den Weg wies. Entsprechend abwechslungsreich ist dieses Duo-Album anzuhören, das neben Piazzollas "Le grand tango" herbe Folklore von Grażyna Bacewicz auftischt. Am Entzückendsten aber wohl Lili Boulangers letztes Werk "D‘un matin de printemps": Eine drahtige Melodieschönheit, die ihre eigenen Wege geht und sich in ekstatische Regionen schraubt.