Wie viel Interpretation verträgt ein Werk? Wann wird Interpretation zur Verzerrung? Joyce DiDonatos Auftritt am Sonntag im Musikverein warf derlei Fragen auf. Die amerikanische Mezzosopranistin mit dem flotten Kurzhaarschnitt ist als großartige Darstellerin wie für die Bühne gemacht. Zahlreiche Opernproduktionen von Händel bis Mozart, Rossini bis Heggie beweisen dies. Bei Franz Schuberts "Winterreise" schießt DiDonato jedoch übers Ziel hinaus.

Am Ansatz, die Geschichte aus der Sicht des Mädchens zu erzählen, liegt es nicht. Die Idee, die Geschehnisse anhand des Tagebuchs, das der Einsame der Geliebten zugeschickt hat, Revue passieren zu lassen, ist als Rahmen durchaus passend. Es lag an der über weite Strecken zu expressiv gewählten Gefühlslage des Vortrags, dass das Unterfangen scheiterte. Schuberts Liedzyklus ist seiner eigentlichen Kraft beraubt, wenn aus stillem Schmerz zur Schau gestellte Wehklage wird. Sobald die Auslegung in den Hintergrund trat und "nur" die Musik ihre Wirkung im Goldenen Saal verströmte, im Lied "Die Krähe" etwa, bekam der Abend eine Tiefe, die er sonst schuldig blieb.

Wobei die Voraussetzungen kaum besser hätten sein können, denn DiDonatos Stimme klang fantastisch: rund, warm, voll, und das in jeder Lage. Sie formte herrliche Legatobögen, die Artikulation war beeindruckend. Pianist Maxim Emelyanychev, anfänglich sehr zurückhaltend, überraschte mit Klangfarben, die Wilhelm Müllers Gedichte zusätzlich unterstrichen. Franz Schuberts Musik bringt bereits alles mit, um die Zuhörenden betroffen zu machen.