Von der Stirne heiß rinnt der Schweiß, und dafür braucht man derzeit keine Glocke zu gießen. Da muss Abkühlung her. Klimagerät (höchst umweltunfreundlich, nebenbei bemerkt), Ventilator, kühle Dusche.

Kalte Musik.

Ja, die gibt’s. Es gibt Musik, die so vollkommen Minusgrade suggeriert, dass man selbst in diesen Tagen versucht ist, die Heizung einzuschalten, um die Eisberge, die sich in den Ohren auftürmen, zum Schmelzen zu bringen.

Obwohl - da stellt sich eine Frage. Aber davon etwas später.

Zuerst bitte die Probe aufs Exempel machen. Naturgemäß kann man zu Giacomo Puccinis "La Bohème" greifen, drittes Bild. Schnee fällt. Die Musik fröstelt. Den Zuschauer verlangt es nach heißem Tee und Thermophor.

Andere eiskalte Musik - haben deren Herstellung die Engländer gepachtet? Also, Gustav Holsts "The Planets": Bei dieser Orchestersuite ist nur die Frage, welcher Planet die meisten Minusgrade hat. Astronomische Erkenntnisse über Oberflächentemperaturen? Egal. Weltraumkälte ist angesagt. "Venus" ist schon kühl (die "Friedensbringerin", ausgerechnet, und Göttin der Liebe und Schönheit war sie für die Römer obendrein), aber die Kälte von "Venus" ist nichts gegen "Neptun". Minus 273,15 Grad Celsius ist die kälteste Temperatur, die möglich ist. Holst schafft locker minus 274,37 Grad Celsius. Das soll die Physik einmal nachmachen!

Noch ein Kältepol: Die "Sinfonia
antarctica" von Ralph Vaughan Williams. Da klingen die Eisberge und singen die Pinguine, und der beißend kalte Wind weht über die Eisschollen. Dass man bei dieser Musik erfriert, die ursprünglich eine Filmmusik zu "Scott of the Antarctic" war - es ist kein Wunder. Kalt und nass ist es in Benjamin Brittens "Peter Grimes" zumindest im ganzen ersten Akt. Ebenso sinkt in Peter Maxwell Davies’ Gruseloper "The Lighthouse" die Temperatur auf den Gefrierpunkt, während sich die Gemüter der drei Leuchtturmwächter erhitzen, und zumindest die dritte Symphonie desselben Komponisten klingt nach Kühlschrank.

Musik, die aus der Kälte kam

Seltsam: Komponisten aus kalten Regionen schreiben kaum je kalte Musik. Claude Debussy bezeichnete den Norweger Edvard Grieg als ein "mit Schnee gefülltes Lutschbonbon", bloß: Nach Schnee klingt bei Grieg gar nichts. Andere Skandinavier: die Dänen Carl Nielsen und Rued Langgaard, der Schwede Kurt Atterberg? Da klingt nichts nachhaltig kalt. Der eigenbrötlerische Isländer Jon Leifs führt schroffe Landschaften vor Ohren, und man glaubt ihm, dass auf seinen tosenden Lautstärkegipfeln die germanischen Götter thronen - aber kalt? Ist das wirklich kalt?

Verlässt man Skandinavien: Wohl komponiert der Russe Dmitri Schostakowitsch Eisiges im vierten Akt seiner Oper "Lady Macbeth aus Mzensk" und im ersten Satz seiner Elften Symphonie. Aber Peter Iljitsch Tschaikowski? Sergej Prokofjew? Ja, sicher, bei Prokofjew gibt es in der "Alexander Newski"-Kantate und in der Oper "Krieg und Frieden" Szenen, die im Winter spielen. Aber klingt das auch nach Winter?

Gerade der Finne Aulis Sallinen, treibt die Temperaturen in drei seiner Opern gehörig in die Tiefe: "Der Reitersmann", "Der rote Strich" und "Kullervo" sind praktisch durchgängige Kältemusik.

Und zwar, weil. . .

Ja, weswegen eigentlich?

Das eben ist die eingangs erwähnte Frage: Wie geht das? Wieso klingt eine Musik kalt, eine andere nicht? Wie transportiert man überhaupt einen Sinneseindruck in ein anderes Medium? "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose", sagte Gertrude Stein. Und ein Eiszapfen ist ein Eiszapfen ist ein Eiszapfen - oder kann er fallweise doch Akkord und Melodie sein?

Maler haben’s leichter: Schnee und dick vermummte Gestalten lassen sich glänzend darstellen, es kommt lediglich auf die Beherrschung der Technik an: Pieter Bruegel der Ältere konnte das, Caspar David Friedrich auch und Franz Sedlacek erst recht.

Schriftsteller operieren mit Reizwörtern. Reizwörter vermeiden und dennoch Kälte suggerieren - das will gelernt sein! (Und ergibt eventuell ein intelligentes Spiel im Freundeskreis: Bilde drei frostige Sätze, ohne Wörter zu verwenden, die sich auf Temperaturen, Jahreszeiten und deren Charakteristika wie Eis, Schnee und dergleichen beziehen. Der Gewinner kriegt einen Campari Soda mit einem Extra-Eiswürfel.) Schriftsteller haben Probleme, wenn es um Beschreibung anderer Sinneseindrücke geht, etwa Gerüche. Patrick Süskinds "Parfum" handelt im Subtext von diesem Beschreibungs-Notstand. Aber mit Kälte kommt man als Autor zurecht. Es gibt dafür ein geeignetes Vokabular.

Das lässt sich möglicherweise auf Musik übertragen.

Der musikalische Erfahrungshorizont des Hörers, der mit Musik aus dem westlichen Kulturkreis aufgewachsen ist, basiert auf kleinen (dunkelfarbigen) und großen (hellfarbigen) Terzen. Beide verleihen der Musik ihren jeweiligen Charakter. Verwendet der Komponist nun aber Akkorde aus Quinten oder (speziell großen) Sekunden, stellt sich ein Gefühl der Kälte ein, denn diesen Akkorden fehlt die terzig weiche Menschlichkeit, sie klingen starr, unbeweglich, muten eingefroren an.

Die entmenschlichte Stimme

Ein anderer Trick ist, die menschliche Stimme einzusetzen, und zwar wortlos Vokale singend. Das machen etwa Holst in "Neptun" und Vaughan Williams in der "Sinfonia antarctica". Weniges wirkt unmenschlicher als eine wortlose Frauenstimme, vielleicht, weil man mit der menschlichen Stimme eine verbale Mitteilung verbindet, die hier jedoch nicht stattfindet. Der Klang ist gleichsam entmenschlicht. Dazu kommen, dass man die klirrende Klangfarbe gewisser Instrumente, etwa der Metallophone, unwillkürlich mit klirrender Kälte assoziiert.

Oder ist es ganz anders? - Assoziiert man am Ende all diese kühlen Kompositionstricks nur dank der Titel mit Kälte? Immerhin: Eine "Sinfonia antarctica", Wind- und Wasseropern, oder, bei Schostakowitsch, Strafgefangene auf dem Weg nach Sibirien - da könnte es sein, dass man die Kälte aufgrund der Titeln und Szenen in die Musik hineindenkt.

Es käme auf einen Versuch an: Man spielt einer nicht vorinformierten Person etwa diese "Sinfonia ant-
arctica" Vaughan Williams’ vor und behauptet, es wäre eine Hochsommersinfonie. Oder man schwindelt Puccinis "Bohème"-Winterbild in Schweiß um, der von der Stirne eines Fremdenlegionärs in der algerischen Gluthölle tropft. Ginge das durch? Oder würde man empörten Widerspruch ernten, weil selbst jeder Uninformierte da ganz klar den Klang von Eiszapfen hört?

Wie Eiszapfen klingen? - Ein Dichter, der dafür die Worte findet.