Der US-amerikanische Komponist und Pianist Frederic Rzewski ist, wie erst jetzt bekannt wurde, am 26. Juni in Montiano (Italien) gestorben. In Europa bekannt wurde Rzewski vor allem durch Aufführungen des Pianisten Igor Levit.

Rzewski, am 13. April 1938 in Westfield (Massachusetts) geboren, war Schüler von Komponisten mit denkbar unterschiedlicher ästhetischer Ausrichtung: Randall Thompson und Walter Piston waren Neoklassizisten,  Roger Sessions nützte Arnold Schönbergs Zwölftontechnik, Milton Babbitt war ein Vertreter der Seriellen Musik.

1960 ging Rzewski nach Italien, um bei Luigi Dallapiccola zu studieren, dessen musikalische Ästhetik südliche Luzidität mit avantgardistischen Techniken verband.

Musik als Botschaft

Wenig später gründete Rzewski gemeinsam mit Alvin Curran und Richard Teitelbaum die Gruppe Musica Elettronica Viva, die sich improvisatorischen Elementen und dem Einsatz von Live-Elektronik verschrieb. In dieser Zeit waren Rzewskis Werke im Prinzip Improvisationsanleitungen. Gleichzeitig trat er als bemerkenswert virtuoser Pianist hervor. Er interpretierte überwiegend zeitgenössische Musik, nahm aber auch Werke etwa Ludwig van Beethovens in seine Programme auf.

1971 kehrte Rzewski nach New York zurück, 1977 erhielt er eine Professur für Komposition am Konservatorium in Lüttich und wirkte dort bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2003.

In den 1970er Jahren kehrte Rzewski auch zum herkömmlichen Werkbegriff und der traditionellen  Notierung zurück. Rzewskis Stil umfasst dabei eine Bandbreite von songhaften Melodien bis zu komplexen Strukturen, mitunter in Gleichzeitigkeit.

Variationen über ein Revolutionslied

Als sein Hauptwerk gilt der riesige Klavierzyklus "The People United Will Never Be Defeated!" (1975). Die 36 Variationen über das Protestlied "El pueblo unido, jamás será vencido" (Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden) des chilenischen Komponisten Sergio Ortega sind minutiös durchstrukturiert und nehmen aufeinander Bezug. Auf die 36. Variation folgt eine Improvisation, ehe das Thema zurückkehrt.

Das rund einstündige Werk ist aufgrund seiner technischen Anforderungen, der Weite des Ausdrucks und der pluralistischen Ästhetik ein Gipfel der Klaviermusik und wird ebenbürtig eingereiht neben Johann Sebastian Bachs "Goldberg-Variationen" und Beethovens "Diabelli-Variationen". Unter anderem hat der Star-Pianist Igor Levit das Werk in sein Repertoire aufgenommen, auf CD eingespielt und mehrfach in Konzerten aufgeführt.

Klaviermusik im Schaffenszentrum

Ein großer Teil von Rzewskis Schaffen ist dem Klavier zugedacht, wobei etwa seine "Nanosonatas" von gleicher Bedeutung sind wie der Variationenzyklus. Er wird als einer der bedeutendsten wenn nicht gar als der bedeutendste Klaviermusik-Komponist seiner Zeit angesehen.

Andere Stücke wie die Bühnenwerke "The Persians" und "The Triumph of Death" stehen, ebenso wie seine umfangreiche Kammermusik, im Schatten der Klavierwerke. Ein Klavierkonzert und "A Dog's Life" für Klavier und Orchester zeigen, dass auch im Bereich der Orchestermusik Rzewskis Inspiration am stärksten war, wenn er sein eigenes Instrument mit solistischen Aufgaben integrierte. 

Wiederholt nützte Rzewski seine Musik, um auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen und für politische Statements. So beruht etwa "Coming Together" auf einem Brief von Sam Melville, der zur Zeit der Attica-Gefangenenaufstände (1971) dort einsaß. Wie zuvor Beethoven, so verstand auch Rzewski Musik als Botschaft des Humanismus.