Rumpelstilzchen müsste man heißen! Oder vielleicht die zwerghafte Verkleinerungsform weglassen. Eusebius Rumpelstilz - das wär’s. Das ist unverwechselbar. Wenn ein Eusebius Rumpelstilz einen Krimi schreibt, kann nichts danebengehen, so wie jüngst im Frühstücksfernsehen des ORF, als der neue Krimi von Samuel Beckett vorgestellt wurde.

Komplette oder teilweise Namensgleichheiten: Im privaten Bereich sind sie egal. Man weiß, wer wer ist. Am Arbeitsplatz sollten sich auch keine größeren Komplikationen ergeben.

Wenn aber Künstler gleich heißen, kann es haarig werden. Wer ist welcher? - Wie zum Beispiel dieser gar bedauerliche Fall in einer Wiener Musikalienhandlung. Da betritt der Kunde, ohnedies Komplikationen vorausahnend, den Laden und fragt nach der Deutschen Messe von Karl Marx.

Karl Marx und Karl Marx

Der Verkäufer schmunzelt wissend, offenbar kennt er die Verwechslung, er meint, er könne sich Karl Marx nicht als Komponisten religiöser Musik vorstellen, aber er schaue gerne nach, ob das Werk von Joseph Marx lieferbar sei. Damit beginnt eine Kette der Missverständnisse, an deren Ende Reinhard Marx "Das Kapital" geschrieben haben könnte und nicht "Kirche überlebt", wie es einem Erzbischof von München ansteht. Es ist ein Jammer, wenngleich ein erheiternder.

Der Marxen nämlich sind drei, lässt man einmal die US-Komiker (und den Erzbischof) außer Acht. Also: Karl Marx, Verfasser von "Das Kapital". Karl Marx, Münchner Komponist der besagten Deutschen Messe sowie etwa der Streicher-Partita "Es ist ein Ros’ entsprungen" und manch anderer schöner neoklassischer Komposition mehr. Joseph Marx, österreichischer Komponist von Liedern, der "Herbstsinfonie", des Klavierkonzerts "Castelli Romani" und anderer spätromantischer Musik.

Namen sind gewissermaßen Identitätsnachweise. Man lebt mit einem Namen wie mit einer Nase, und dass man den Namen amtlich ändern lassen kann, tut nichts wider den Vergleich, denn ändern lassen kann man auch die Nase, nur halt nicht amtlich, sondern schönheitschirurgisch.

Karl Marx, der Komponist, hat unter seinem Namen gleich zweimal gelitten: Die Nationalsozialisten ließen seine Werke verschwinden, weil sein Name an den unliebsamen anderen Karl Marx erinnert hätte. Karl Marx, der Komponist, nahm daraufhin eine Stelle als Kompositionslehrer an der Grazer Hochschule für Musikerziehung an, womit er ausgerechnet in der Geburtsstadt von Joseph Marx landete. Kann es sein, dass der kanadische Historiker Michael Kater die Marxe verwechselte, als er Karl, den Komponisten, der NS-Nähe zieh (die freilich auch bei Joseph nicht ganz so eng war, wie es vielfach dargestellt wird)?

Wenn nun aber ein Künstler einen Namen so originell findet, dass er ihn pseudonymisch zu seinem eigenen macht, kann das in weiterer Konsequenz zu Bizarrerien führen, an die man zuerst gar nicht denkt. Zum Beispiel: Als es im Fernsehen noch Programmansagerinnen und -ansager gab, kündigte eine von ihnen die weihnachtliche Ausstrahlung einer Oper folgendermaßen an: "Sie sehen ,Hänsel und Gretel‘ von Änglbört Hamperdinck. In der Rolle des Vaters Sio Ädäm."

Man kann bei der guten Frau wohl einen Hang zu Anglizismen diagnostizieren, aber, im Grund, keinen Vorwurf machen. Ihr war halt der britische Schlagersänger Arnold George Dorsey, der sich aus Originalitätsgründen nach Engelbert Humperdinck nannte, eher ein Begriff als der deutsche Komponist von Märchenopern. Und wenn ein britischer Schlagersänger schon einmal eine Oper schreibt, wird wohl ein Brite eine der Hauptrollen singen, weshalb der deutsche Sänger Theo Adam zu einem Sio Ädäm wurde. Eigentlich ganz logisch.

Während man Kant und Kant immerhin so halbwegs unterscheiden kann (Immanuel, der Philosoph - Hermann, der Schriftsteller), führte vor etlichen Jahren die Goering-Lektüre in der Straßenbahn zu giftigen Blicken und schlussendlich einer zornigen Reaktion der gegenüber sitzenden jungen Frau: "Müssen Sie diesen Nazi-Dreck öffentlich lesen?"

Was soll man da antworten? "Reinhard, nicht Hermann, oe, nicht ö, Expressionist, nicht Kriegsverbrecher."

"Im Ernst?" - Im Ernst.

Soviel Wagner

Wagner ist auch solch ein Verwechslungskapitel. Richard, der Komponist. Siegfried, sein Sohn, auch Komponist, diverse andere Wagners, zumeist Regisseurinnen und Regisseure, aber auch Musik- und Politikwissenschafter, entstammen der Familie: Katharina, Nike, Wieland, Wolfgang, Gottfried und und und.

Was soll angesichts dessen der nicht verwandte Komponist Rudolf Wagner machen, um sich abzugrenzen? Flugs hängte er den Namen seiner Geburtsstadt Regen an und nannte sich Wagner-Régeny. Den Roman "Im Grunde sind wir alle Sieger" hat freilich weder Friedelind noch Siegfried, weder Wieland noch Wolfgang geschrieben, sondern - ja, ausgerechnet: Richard. In diesem Fall freilich der rumänisch-deutsche Autor Richard Wagner.

Der Buchstabe B wiederum bringt die Pop-Welt durcheinander: Bryan Adams ist nicht Ryan Adams. Und manchmal sind’s auch Großbuchstaben und Punkte wie im Fall der britischen Rapperin M.I.A. und der deutschen Band MiA.

Erinnert sich noch jemand an den österreichischen Vizekanzler Norbert Steger, der gerne Waschlauge trank? Zumindest sagte er, als er 1983 einen Staatspreis für Werbung dem Waschmittelhersteller Henkel überreichte: "Ich trinke die Produkte Ihres Hauses so gern." Oder sollte er Pril, Silan und Persil gar mit dem Sekt Henkell trocken verwechselt haben?

Hopper - die nächste verzwickte Sache. Weil ja der Schauspieler Dennis Hopper auch malt, wenngleich nicht mit derselben Genialität wie seinerzeit sein US-Landsmann, der Maler Edward Hopper (der mit den einsamen Gestalten in nächtlichen Bars).

Unverwechselbar gemacht?

Früher hat man’s einfacher gehabt. Um den Leonardo aus Greti nicht mit dem Leonardo aus Vinci zu verwechseln, hat man den beiden halt ihre Herkunft dem Namen hinzugefügt. Der eine war Leonardo da Greti, der andere Leonardo da Vinci. Die Spuren des einen haben sich in der Geschichte verloren, der andere ist als Porträtmaler bekannt geworden.

In ganz Europa sind auf solche Weise Namen entstanden: Berufsbezeichnungen und Herkunft wurden hinzugefügt, um die Personen unverwechselbar zu machen: Schuster, Bauer, Smith, Horák (tschechisch: Bergmann), Nemec (tschechisch: Deutscher). Dann wurden diese Beifügungen vererbt, und was ursprünglich die Unverwechselbarkeit sichern sollte, wurde zum Quell von Verwechslungen.

Fürwahr: Eusebius Rumpelstilz müsste man heißen!

Und nicht etwa Beckett. Und wenn, dann wenigstens Aurelian Beckett oder Cesar Beckett, und nicht Simon, denn Simon klingt fast wie Samuel. Wer also der Mörder im neuen Krimi von Samuel Beckett ist, der im ORF-Frühstücksfernsehen vorgestellt wurde, ist klar. Dennoch: Vorsicht, Spoileralarm! Der Mörder ist Godot.