Im Supermarkt, in der Straßenbahn, im Konzert und (vielleicht) noch im Restaurant spürt man letzte Überreste der Corona-Vorsicht - doch so langsam scheint sie aus dem Bewusstsein zu verschwinden. Dirigent Heinz Ferlesch gehört nicht zu den unbekümmerten Naturen - schon allein deshalb, weil er keine Negativschlagzeilen provozieren will, lastet auf seinen Schultern doch die Verantwortung für mehrere Musikergruppen. Der 50-Jährige ist Leiter der Wiener Singakademie mit Sitz im Konzerthaus und steht außerdem dem Chor Ad Libitum in seiner Heimatstadt Sankt Valentin vor.

Dass Ferlesch ein Freund hoher Sicherheitsstandards ist, hat die Singakademie in den vergangenen Lockdown-Monaten vor einer ausgedehnten Probenpause bewahrt. "Seit dem September haben wir eigentlich nur ein Monat nicht geprobt", erinnert sich der Dirigent, der die Präventionskonzepte für Chöre maßgeblich mitentwickelt hat. "Die Singakademie ist das beste Anti-Covid-Team der Welt, das darf man ruhig so drucken. Wir verfolgten ein engmaschiges Testkonzept, wir akzeptierten nur Antigentests, die nicht älter als zwölf Stunden waren." Und: Der Abstand zwischen den Sängern wurde "nicht auf eineinhalb Meter beschränkt, sondern so groß wie möglich gemacht."

Erbauungskraft zur rechten Zeit

Mit den Mitgliedern von Ad Libitum geht Ferlesch in dieser Woche auf eine Österreich-Tour - und hat die Gruppe auf strikte Standards eingeschworen. Zwar darf derzeit ohne Maske gesungen werden. Dafür haben sich die Choristen vor jeder Zusammenkunft einem PCR-Test zu unterziehen. Und ja, das gilt auch für geimpfte Mitglieder. Ferlesch: "Ich habe das Gefühl, in Österreich wird nicht verstanden, dass Geimpfte das Virus erstens haben und zweitens auch übertragen könnten. Bei Ad Libitum liegt die Impfrate derzeit bei 30 Prozent. Es wäre den anderen gegenüber schlicht unsolidarisch, wenn man da sagt, ‚Ich bin eh geimpft‘."

Dass die erste Tour nach dem Lockdown ausgerechnet Bachs h-Moll-Messe gilt (Termine: siehe Kasten), ist für Ferlesch eine glückliche Fügung. "Als wir das Stück vor zwei Jahren angesetzt hatten, kannten wir das Wort ‚Pandemie‘ noch gar nicht." Gerade in diesem Kontext könne die Messe aber ihre ganze Erbauungskraft entfalten und das Bewusstsein aus den Niederungen des Alltags erheben. Ferlesch: "Dieses Werk hat mit dem Kosmos, dem großen Ganzen zu tun, nicht mit Kleingläubigkeit." Die frohe Botschaft aus dieser Vogelperspektive: "Die Pandemie wird eines Tages Geschichte sein, und zwar recht bald im Vergleich mit kosmischen Dimensionen." Größter Trostspender der Messe sei "Et resurrexit" - ein Jubelchor, der "nichts Hochtheologisches" behandle, sondern ein emotionales Grundbedürfnis nähre. "Der Mensch braucht den Glauben an Erneuerung so sehr wie Brot", sagt der Dirigent, der bei seinen Konzerten auch das Originalklangorchester Barucco leiten wird.

Apropos Glaube: Jener an die Zukunft des Chorsingens hat sich in der Corona-Krise offenbar auch erhalten. Ferlesch auf die Frage nach Abgängen: "Ich habe eigentlich nur von einem gehört, der nicht mit Maske singen wollte, sonst sind mir keine Fälle bekannt."

Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe ist am 16. Juli zur Eröffnung des Attergauer Kultursommers in St. Georgen zu hören, am 17. Juli in der Pfarrkirche Langenhart in Sankt Valentin und am 18. Juli in Stift Herzogenburg. Solisten: Elisabeth Breuer, Patricia Nolz, Daniel Johannsen und Matthias Helm.