Stellte man sich hierzulande die Frage, ob man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben könnte, frug man sich in England noch 20 Jahre, nachdem Hitlers Luftwaffe die Stadt Coventry dem Erdboden gleich gemacht hatte: Kann man da ein Requiem schreiben, in dem von Erlösung die Rede ist? Benjamin Britten baute in sein Requiem einen Liedzyklus von Gedichten des im Ersten Weltkrieg blutjung gefallenen Wilfried Owen ein: Anklagen an die Grausamkeit, den Wahnwitz eines Kriegs.

Für sein "War Requiem" hatte Britten den Tenorpart Peter Pears zugedacht und das Baritonsolo Dietrich Fischer-Dieskau: die einstigen Kriegsnationen, in der Musik vereinigt. Auch die Salzburger Festspiele haben diese Sänger-Konstellation zum Beginn der Ouverture spirituelle umgesetzt - mit dem Tenor Allan Clayton, dessen helles Timbre und geradezu idealtypische Wort-Bezogenheit ihn wie ein Abbild von Pears erscheinen ließen. Dazu Florian Boesch, der seinem Kollegen in puncto Deklamationsgenauigkeit in nichts nachstand. Und schließlich die russische Sopranistin Elena Stikhina.

Balancierte Gegensätze

Am Sonntag musizierten in der Felsenreitschule das Gustav Mahler Jugendorchester, eine Abordnung des ORF-RSO Wien, der Wiener Singverein sowie der Salzburger-Festspiele- und der Theater-Kinderchor. Mirga Gražinyte-Tyla hat das feine Lineament im Melodischen konsequent herausgearbeitet, die emotionalen Gegensätze zwar nicht nivelliert, aber wohl überlegt ausbalanciert. Mehr humanistische Botschaft als Kriegsgrollen.