Versuchen wir uns vorzustellen, Jordi Savall hätte diese Aufnahme von Marin Marais’ "Alcione" nicht mit Originalinstrumenten unternommen, sondern mit einem normalen Orchester und die Streicher mit Vibrato spielen lassen: Man würde einen sinnlichen Streichersatz hören und unglaublich differenzierte Holzbläserfarben, statt sich auf diesen brustschwach näselnden Tonfall einstellen zu müssen. Der Vorteil hier, wie bei allen Vokalwerken, ist freilich, dass das Orchester nur begleitet, die meiste Aufmerksamkeit sich also auf die Singstimmen konzentriert - und gesungen wird wunderbar von Lea Desandre in der Titelrolle Äolus-Tochter, von Cyril Auvity als ihrem Geliebten Ceix und von allen anderen in den vielen Rollen nicht minder. Savall sorgt für eine rhythmisch vitale Umsetzung des Werks.

Und das sollte man kennen - nicht nur, wenn man der Barockoper zugetan ist. Marais folgt dem von Jean-Baptiste Lully entwickelten Konzept der französischen Tragédie en musique: Der Lobpreis des Herrschers legt zu Beginn das Samenkorn für die Handlung. Diese besteht aus einer Reihe von Gefahren für ein Liebespaar der vorzugsweise griechischen Mythologie. Entgegen dem tragischen Prinzip der Sprechbühne geht die Tragédie en musique gut aus, wenngleich im Fall der "Alcione" nur dank Neptuns, der den Liebenden Unsterblichkeit verleiht und eine (auch musikalisch überwältigende) Apotheose ermöglicht.

Marin Marais Alcione (AliaVox)
Marin Marais Alcione (AliaVox)

Die Musik ist ein wahres Wunder an harmonischem und melodischem Raffinement. Das Vorbild Jean Philippe Rameaus ist deutlich zu merken, und die Sturmmusik hinterlässt ihre Spuren bis hin zu Richard Wagners "Fliegendem Holländer". "Alcione" ist ein Triumph sowohl der Ausdrucksmusik als auch einer Klangfantasie, die seit Rameau für die französische Musik charakteristisch ist und bis in die Gegenwart bleiben wird. Unbedingt anhören!

Antonín DvořákThe Slavonic Soul(Warner Classics)
Antonín DvořákThe Slavonic Soul(Warner Classics)

"Antonín Dvořák - The Slavonic Soul" nennt sich eine 27-CD-Box mit Werken des tschechischen Komponisten. Ganz ausdrücklich: Es ist keine Aufnahme des Gesamtwerks und will das auch gar nicht sein. So fehlen etwa die Opern, das "Stabat Mater" und die "Geisterbraut". Auch die Streichquartette sind nur in einer Auswahl enthalten. Andererseits sind die grandiosen Bagatellen für zwei Violinen, Cello und Harmonium inkludiert sowie nahezu alle Orchesterwerke, die kompletten Sinfonien, die Sinfonischen Dichtungen, die "Slawischen Tänze" und die Streicherserenade sowieso, aber auch die "In der Natur"-Suite und sogar die "Amerikanische Suite".

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Erfreulich ist die Box, weil Warner eine fast durchwegs vorzügliche Auswahl bei den Interpretationen getroffen hat. Die sinfonischen Dichtungen etwa liegen in der maßstabsetzenden Nikolaus-Harnoncourt-Aufnahme vor, Václav Neumann dirigiert die "Slawischen Tänze", und sogar Historisches gibt‘s in den "Mährischen Duetten" mit Elisabeth Schwarzkopf und Irmgard Seefried. Bleibt die Frage, ob es eine gute Idee war, den schönen Sinfonien-Zyklus Libor Pešeks zu unterbrechen und bei der "Neuen Welt" auf die (fabelhafte) Einspielung Carlo Maria Giulinis auszuweichen. Wer freilich einen Grundstein für eine Dvořák-Sammlung legen oder die vorhandene vielleicht ergänzen will, kann bedenkenlos zugreifen.