27 Lieder, 6 Komponisten, 9-mal Applaus, inklusive 4 Zugaben und 2 Stunden Musik nach 3 geplatzten Corona-Nachholterminen. Ein Kraftakt - Chapeau!

Dennoch klingt der Liederabend mit dem international gefragten Tenor Piotr Beczala im nahezu ausverkauften Großen Saal des Wiener Konzerthauses am Donnerstag so technisch-mathematisch wie genannte Auflistung. Helmut Deutsch sorgt am Klavier von Beginn an für gleichsam innige und weiträumige Klangfarben bei Komponisten wie Ermanno Wolf-Ferrari, Francesco Paolo Tosti oder Mieczysaw Karowicz.

Selten erinnert ein Klavier so sehr an Regen wie in seiner Interpretation von Ottorino Respighis - "Pioggia" (Regen). Während Beczala die ersten Lieder Stefano Donaudys benötigt, um auf der Bühne ganz anzukommen, geht es mit Wolf-Ferrari bergauf: Feinheiten werden hörbar sowie Gefühle transportiert, etwa in dem bezaubernden "Nebbie" (Nebel). Hier gelingt der Wechsel zwischen Dramatik und Stille. Die fallenden Herbstblätter (Karowicz: "Rote Blätter") scheinen klanglich galant zu wirbeln und Beczala selbst große Freude zu bereiten. Zwischenzeitlich macht sich seine körperliche Anstrengung mit Lippenkreisen und tief ins Klavier bohrender Hand bemerkbar, was seinen Gipfel bei Richard Strauss' "Heimlicher Aufforderung" erreicht. Der verschmitzt komponierte Einstieg der Tafel-Gesellschaft wird bei zu hohem Tempo bestritten und kommt im Garten nicht mehr zur Ruhe.

Gleichwohl bestechen die Intonationssicherheit, leuchtende Ausdruckskraft und die rhythmische Finesse des Polen. Beczalas sichtliche Euphorie - der ein textlicher Hänger keinen Abbruch tat - weitete sich bei den Zugaben auf den gesamten Publikumsraum aus. Es wird applaudiert und weibliche Stimmen rufen lauthals Bravo. Den Fans bleibt, trotz Hoppalas, ein Abend schmachtenden Gesangs und melodischen Klaviers in Erinnerung.