Böse Zungen behaupten ja, die Briten hätten erst dann etwas zur Musikgeschichte beigetragen, als die Stunde von Rock und Pop schlug und die Hits der "British Invasion" wie Pilzköpfe aus dem Boden schossen. Ist natürlich überzogen. Zugegeben: Die Briten waren in den Gefilden der Klassik nicht die gleiche Macht wie auf See. Einige Komponisten-Kapazunder besaßen sie aber. Den Renaissance-Mann John Dowland etwa. Barock-Ass Henry Purcell. Und natürlich Benjamin Britten, das Operngenie der Moderne.

Und dann lassen sich natürlich noch etliche Namen aus dem, sagen wir, gehobenen Kreativmittelstand aufzählen. Wie Ralph Vaughan Williams, Edward Elgar und William Walton, allesamt einst aktiv an der Schwelle zur Moderne.

Die drei sind nun auf dem jüngsten Album von Mirga Gražinyte-Tyla, Chefin des City of Birmingham Symphony Orchestras, vereint - und zwar mit Stücken, die abseits der Insel eher selten zum Einsatz kommen. Etwa "Sospiri", ein Streicher-Adagio des erwähnten Elgars. Der gefeierte Marsch-Lieferant ("Pomp And Circumstance") hat hier fünf Minuten Seelenbalsam zu Papier gebracht, die sich eher für den behaglichen Salongebrauch eignen. Offen gesagt: schon etwas kitschig, dieser wortlose Seufzgesang. Wird auf dem vorliegenden Album aber so unwiderstehlich zart-süß gereicht wie ein "After Eight".

Mirga Gražinyte-TylaThe British Project(DG)
Mirga Gražinyte-TylaThe British Project(DG)

Gehaltvoller Ohrenschmaus kommt dafür von Ralph Vaughan Williams. Der Mann, der sich die magische Anzahl von neun Symphonien entstoßen hat, hat auch auf der Kurzstrecke gute Arbeit geleistet: Seine "Fantasia on a Theme by Thomas Tallis" (1910) hüllt ein Renaissance-Motiv in Streicherglanz, lässt es wie eine Preziose funkeln. Eine kühne Harmonik sorgt für Farbe, die altehrwürdige Antiphonie (der Wechselgesang mehrerer Orchestergruppen) für Kurzweil. Ätherische Klangwolken wechseln mit markigen Akzenten, mustergültig austariert in dieser aktuellen Einspielung. Auch Brittens "Sinfonia da Requiem" hat hier ihre Reize: Der Dreisätzer, der den Tod der Komponistenmutter still bis wutbrüllend beklagt, gipfelt in einem fratzenhaften Scherzo à la Schostakowitsch.

Nicola Benedetti Elgar - Violin Concerto (Decca)
Nicola Benedetti Elgar - Violin Concerto (Decca)

Das schwächste Glied dieses Albums ist nur leider zugleich sein längstes: Die Orchestersuite zu William Waltons Oper "Troilus and Cressida" rieselt einem, trotz ihres possierlichen Tonfalls, an den Ohren vorbei. Nie gehört? Muss sich auch nicht ändern.

Nicola Benedetti ist ebenfalls auf englischem Gebiet aktiv. Die (der Name täuscht) Britin leistet dem Violinkonzert von Eward Elgar hinreißend Fürsprache. Das Stück wird zwar darum nicht in die erste Repertoire-Reihe wandern - mangels Inbrunst und Tiefenwirkung reicht es nicht an die Konkurrenzprodukte der Marke Beethoven und Brahms heran. Doch es beschert dem Ohr die typische Elgar-Eleganz und flinken Geigern hübsche Entfaltungsmöglichkeiten: Bis in die höchsten Höhen lupenrein, tönt Benedettis Spiel selbst bei Doppelgriffen wohlgerundet und wird vom London Philharmonic Orchestra unter Vladimir Jurowski schwelgerisch begleitet. Rührend, dass Benedetti ihrem Arbeitsgerät im Booklet ein Bussi aufdrückt. Könnte eine Geige küssen, sie müsste den Schmatzer erwidern.