Wenn Beethovens Siebente Symphonie die "Apotheose des Tanzes" ist, dann sollten Chopins Polonaisen als die Überhöhung von Heimatfolklore gelten. Die Klavierwerke, nach Chopins Flucht aus den polnischen Kriegswirren entstanden, übersteigern das klingende Brauchtum des fernen Vaterlands zu raffinierten Charakterstücken.

Genau der richtige Fall für Grigory Sokolov: Der russische Tastengott, stets mit schwerem, aber vertrautem Gepäck unterwegs - nämlich mit nur einem Virtuosenprogramm pro Jahr -, hat Salzburg soeben seinen üblichen Sommerbesuch abgestattet und im Großen Festspielhaus mit den Polonaisen eröffnet. Als Klang-Analytiker oder als Romantiker? Sokolov ist beides, besser gesagt: ein planvoller Schwärmer. Das erweist sich schon im es-Moll-Stück, wenn er einen reservierten Tonfall für Momente einer saftigen Pracht weichen lässt: Überschwang, mit chirurgischer Präzision gereicht. Und: eine Feinarbeit, die den Klangfluss nie gefährdet. Das offenbart sich auch in den Weiten der fis-Moll-Polonaise. Eine Evolution für das Ohr, wie sich das kleine Anfangsmotiv zu Oktavdonner auswächst. Gewichtungen sind bei dem Pianisten mit der stieren Miene kein Zufall, ein Grigory Sokolov würfelt nicht: Tritt die Basslinie leicht hervor, dann darum, weil sie ab dem nächsten Takt die Melodie singen wird. Nach der Terzenseligkeit des Mittelteils zuletzt ein Akkord, schneidend scharf wie ein Messerstich: ein Schockeffekt vor dem Happy End der ersten Halbzeit mit dem wohligen As-Dur-Ohrwurm.

Nach der Pause dann ein Liebesdienst an den Préludes (op. 23) von Rachmaninow: Sokolov kostet da nicht bloß romantische Feinaromen aus, er feiert die Kontrapunktik eines vermeintlichen Schmusekomponisten. Entrückend, wie sich im D-Dur-Andante ein Melodiengeflecht um die Kantilene schmiegt und wieder löst - auch wenn genau in diesem Augenblick eine Erkrankte aus dem Saal geschleppt werden muss. In der "dritten Hälfte" schließlich sechs Zugaben, von Brahms (Intermezzo op. 118/2) bis zu Bach (BWV 639): Huldigungsjubel für den Klavierkönig.